Katatonie bei Autismus erkennen
Katatonie bei Autismus bleibt häufig unerkannt, weil die Verschlechterung als Trotz, Depression oder als Teil des Autismus gedeutet wird. Dieser Ratgeber zeigt, welche Warnzeichen auf eine Katatonie hindeuten, wie sie sich von Meltdown und Shutdown sowie vom autistischen Burnout unterscheidet, wie die Diagnose gestellt wird und welche Behandlungen es gibt. Katatonie zählt damit zu den komorbiden Diagnosen bei Autismus, die am häufigsten übersehen werden. Alle Angaben sind mit Fachliteratur belegt, auf dem Stand 2026 und benennen ausdrücklich, wo die Datenlage unsicher ist.
Das übersehene Syndrom hinter plötzlicher Erstarrung
Wenn ein autistischer Mensch plötzlich erstarrt, langsamer wird, verstummt und Alltagsfähigkeiten verliert, steckt manchmal eine Katatonie dahinter. Sie ist behandelbar – wenn sie erkannt wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Häufigkeit lässt sich nicht sicher beziffern. Eine Metaanalyse schätzte sie in den untersuchten Stichproben auf 10,4 Prozent. Wegen weniger, sehr unterschiedlicher Studien ist dieser Wert nicht auf alle autistischen Menschen übertragbar – gesichert ist nur, dass Katatonie relevant häufig vorkommt und oft übersehen wird.
- Der Beginn liegt häufig im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter, oft rund um die Pubertät. Katatonie kann aber auch früher oder später auftreten, schleichend ebenso wie akut.
- Entscheidend ist die Veränderung. Nicht das einzelne Symptom zählt, sondern der deutliche Abfall gegenüber dem bisherigen persönlichen Funktionsniveau.
- Katatonie ist behandelbar. Benzodiazepine, konsequente Stressreduktion und im Bedarfsfall eine Elektrokonvulsionstherapie führen bei vielen Betroffenen zu deutlicher Besserung.
- Es gibt einen Notfall. Fieber mit Muskelsteifigkeit, Kreislaufinstabilität, Bewusstseins- oder Atemstörungen und schwere Selbstgefährdung erfordern den Notruf 112. Eingeschränkte Flüssigkeitsaufnahme und Schluckprobleme gehören dringend ärztlich beurteilt.
Was ist Katatonie?
Katatonie ist zunächst einmal ein psychomotorisches Syndrom. Betroffen sind dabei Bewegung, Antrieb, Sprache und Verhalten – und zwar gleichzeitig und in einem Ausmaß, das den Alltag massiv einschränkt. Der deutsche Psychiater Karl Ludwig Kahlbaum beschrieb das Krankheitsbild bereits 1874. Danach galt Katatonie über ein Jahrhundert lang fast ausschließlich als Unterform der Schizophrenie. Diese Sichtweise gilt heute allerdings als überholt.
Mit der ICD-11, die seit Januar 2022 international in Kraft ist, wurde Katatonie zu einer eigenständigen Diagnosegruppe aufgewertet. Sie umfasst die Codes 6A40 (Katatonie in Verbindung mit einer anderen psychischen Störung), 6A41 (durch Substanzen oder Medikamente ausgelöste Katatonie) und 6A4Z (Katatonie, nicht näher bezeichnet); die durch eine körperliche Erkrankung verursachte Form wird unter 6E69 als sekundäres katatones Syndrom geführt. Bemerkenswert ist dabei: Die Weltgesundheitsorganisation nennt in der Beschreibung dieser Gruppe ausdrücklich auch die Autismus-Spektrum-Störung als eine der Grunderkrankungen, mit denen Katatonie einhergehen kann.
Für die Praxis heißt das: Katatonie ist keine Sonderform einer Psychose, sondern ein Syndrom, das bei sehr unterschiedlichen Grunderkrankungen auftreten kann – bei affektiven Störungen, bei Autoimmunerkrankungen des Gehirns, bei Stoffwechselentgleisungen und eben auch bei Autismus.
Warum das für autistische Menschen wichtig ist
Solange Katatonie als Schizophrenie-Merkmal galt, wurde sie bei autistischen Menschen kaum in Erwägung gezogen. Die Verschlechterung wurde stattdessen als „Verhaltensproblem“, als Depression oder schlicht als Teil des Autismus gedeutet. Fachleute sprechen von diagnostischem Overshadowing: Die bekannte Diagnose überstrahlt die neue. Genau deshalb bleiben Betroffene oft monatelang ohne wirksame Behandlung.
Katatonie ist damit eine von vielen komorbiden Diagnosen bei Autismus – nur eine, die deutlich seltener erkannt wird als ADHS, Angststörungen oder Depression.
Wie häufig ist Katatonie bei Autismus?
Warum es keine einfache Zahl gibt
Ehrliche Antwort vorweg: Eine belastbare Zahl für alle autistischen Menschen gibt es nicht. Was existiert, sind einzelne Untersuchungen an sehr unterschiedlichen Gruppen – überwiegend an Menschen, die ohnehin schon in spezialisierter Behandlung waren, und mit deutlich mehr männlichen als weiblichen Teilnehmern. Die folgenden Werte gelten deshalb für die jeweils untersuchte Stichprobe, nicht für die Gesamtheit autistischer Menschen:
Die Untersuchung von Wing und Shah
Die grundlegende Untersuchung stammt von Lorna Wing und Amitta Shah; sie erschien im Jahr 2000 im British Journal of Psychiatry. Von 506 Personen, die einer spezialisierten Klinik zugewiesen wurden, erfüllten 30 die Kriterien für eine ausgeprägte Katatonie – das entspricht 6 Prozent der Gesamtgruppe, aber 17 Prozent der Zugewiesenen ab 15 Jahren. In dieser Stichprobe lag der Beginn überwiegend zwischen dem 10. und 19. Lebensjahr. Als Risikofaktoren fanden die Autorinnen zudem eine bereits zuvor eingeschränkte Sprache sowie eine passive Rolle in sozialen Situationen.
Weil es sich um eine spezialisierte Klinikstichprobe handelt, lässt sich daraus kein allgemeines Beginnalter ableiten. Mehrere Untersuchungen finden übereinstimmend eine Häufung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter – die Metaanalyse von 2022 kommt auf ein Durchschnittsalter von 21,25 Jahren. Katatonie kann jedoch grundsätzlich früher wie später beginnen, schleichend über Monate ebenso wie akut innerhalb weniger Tage.
Die Metaanalyse von 2022
Die bislang umfassendste Zusammenfassung legten Vaquerizo-Serrano und Kollegen 2022 in European Psychiatry vor. Dafür werteten sie zwölf Studien mit insgesamt 1.534 Personen systematisch aus; sieben Studien mit 969 Personen gingen in die Metaanalyse ein. Ergebnis: eine geschätzte Häufigkeit von 10,4 Prozent bei einem breiten Konfidenzintervall von 5,8 bis 18,0 Prozent. Dieses Intervall ist die eigentliche Aussage – der wahre Wert könnte bei knapp 6 ebenso wie bei 18 Prozent liegen.
Ein Screening-Fragebogen speziell für Autismus
Eine britische Erhebung von Breen und Hare (2017) ging mit einem eigens entwickelten Fragebogen, dem Attenuated Behaviour Questionnaire, an die Frage heran. Zunächst das erwartbare Ergebnis: Bis zu 20,2 Prozent der befragten jungen autistischen Menschen hatten bereits eine Katatonie-Diagnose. Auffällig war jedoch: 48,3 Prozent zeigten drei oder mehr der definierten Kernsymptome. Die Autoren werteten das als deutlichen Hinweis auf eine erhebliche Unterdiagnostik – wobei ein Screening-Fragebogen naturgemäß auch zu einer Überschätzung führen kann.
Wie belastbar sind diese Zahlen?
Alle genannten Untersuchungen haben methodische Grenzen. So untersuchten Wing und Shah eine Klinikstichprobe, keine Bevölkerungsstichprobe – dort sind schwerere Verläufe überrepräsentiert. Die Metaanalyse von 2022 stützt sich auf wenige, sehr heterogene und überwiegend klinikbasierte Studien mit mehrheitlich männlichen Teilnehmern; das erklärt das breite Konfidenzintervall und schränkt die Übertragbarkeit ein, besonders auf autistische Frauen und Mädchen. Die Spanne der National Autistic Society wiederum fasst ältere Untersuchungen zusammen und beruht nicht auf einer eigenen aktuellen Erhebung. Screening-Fragebögen wie der ABQ erfassen zudem auch abgeschwächte Auffälligkeiten, die noch keine behandlungsbedürftige Katatonie darstellen.
Was sich sagen lässt: Katatonie kommt bei autistischen Menschen relevant häufig vor, und sie wird nach übereinstimmender Einschätzung häufiger übersehen als überdiagnostiziert. Eine belastbare Prozentzahl für die Gesamtbevölkerung gibt es bislang nicht.
Warnzeichen im Alltag
Katatonie beginnt bei autistischen Menschen selten dramatisch. Typischer ist vielmehr ein schleichender Abbau über Wochen bis Monate, der zunächst als Trotz, Faulheit, Pubertät oder Motivationsverlust missdeutet wird. Konkret beschreibt die britische National Autistic Society folgende frühe Anzeichen:
Bewegung und Handlung
- Zunehmende Verlangsamung bei alltäglichen Handlungen – Anziehen, Essen, Zähneputzen dauern plötzlich um ein Vielfaches länger.
- Einfrieren mitten in der Bewegung, oft mit erhobener Hand oder auf halbem Weg durch den Raum.
- Schwierigkeiten, Schwellen zu überqueren – Türrahmen, Treppenstufen, der Übergang vom Teppich auf Fliesen werden zum Hindernis.
- Probleme, eine Handlung zu beginnen oder zu beenden, auch wenn die Person sie eindeutig ausführen möchte. Das geht deutlich über die bekannten Schwierigkeiten mit den Exekutivfunktionen hinaus.
- Verharren in ungewöhnlichen Haltungen über längere Zeit.
- Zunahme repetitiver Bewegungen und ausgeprägtes Zögern vor jedem Schritt.
- Verändertes Gangbild: kleine Schritte, Stocken, plötzliches Stehenbleiben – anders als bei einer länger bestehenden Dyspraxie, die sich nicht plötzlich verschlechtert.
Sprache und Kommunikation
- Deutlich weniger Sprache bis hin zum vollständigen Verstummen bei Menschen, die zuvor gesprochen haben – abzugrenzen von einem selektiven Mutismus, der situationsgebunden auftritt.
- Verzögerte Antworten mit langen Pausen zwischen Frage und Reaktion.
- Neu auftretendes Nachsprechen von Gehörtem oder Nachahmen von Bewegungen.
Selbstständigkeit und Antrieb
- Wachsende Abhängigkeit von Aufforderungen – ohne verbale oder körperliche Anleitung geschieht nichts mehr.
- Verlust von Fähigkeiten der Selbstversorgung, die vorher sicher beherrscht wurden.
- Verstärkung ritualisierten Verhaltens bis zur völligen Blockade des Tagesablaufs – hier lohnt auch der Blick auf Zwangsstörungen bei Autismus.
- Rückzug, Antriebslosigkeit und deutlich reduzierte Aktivität insgesamt.
Weitere mögliche Zeichen
- Widerstand ohne erkennbaren Grund gegen Aufforderungen oder Berührung (Negativismus).
- Erregungszustände mit ziellosem Umherlaufen, teils im Wechsel mit Erstarrung.
- Neu aufgetretenes oder deutlich verstärktes selbstverletzendes Verhalten.
- Veränderungen bei Schlaf, Appetit und Ausscheidung, Inkontinenz bei zuvor kontinenten Personen.
Die entscheidende Frage lautet nicht „Zeigt diese Person katatone Symptome?“, sondern „Was hat sich gegenüber ihrem persönlichen Ausgangsniveau verändert – und wann hat es begonnen?“
Grundprinzip der Katatonie-Erkennung bei autistischen MenschenShutdown, Burnout oder Katatonie?
Bevor Sie weiterlesen, hilft ein Blick auf die beiden Zustände, mit denen Katatonie am häufigsten verwechselt wird: Meltdown und Shutdown sowie der autistische Burnout. Beide sind gut beschrieben, beide sind keine Katatonie – und dennoch können beide ihr zum Verwechseln ähnlich sehen.
Das ist zugleich die schwierigste und die wichtigste Unterscheidung. Denn viele Zeichen, die in den Katatonie-Kriterien stehen – Stereotypien, Echolalie, Grimassieren, Manierismen –, gehören bei einem Teil der autistischen Menschen zum ganz normalen Ausgangsverhalten. Kerim Munir wies 2025 in der Zeitschrift Psychiatry and Clinical Psychopharmacology darauf hin, dass eine unkritische Anwendung der DSM-5-TR-Regel „drei von zwölf Merkmalen“ bei autistischen Menschen zu Fehldiagnosen führen kann: Drei wenig spezifische Zeichen sind schnell beisammen, ohne dass eine Katatonie vorliegt.
Munir schlägt deshalb vor, sich auf fünf besonders aussagekräftige Kernzeichen zu konzentrieren und mindestens zwei davon zu fordern – jeweils neu aufgetreten oder deutlich verschlechtert gegenüber dem persönlichen Ausgangsniveau:
Einordnung: ein Vorschlag, keine Leitlinie
Die folgenden fünf Kernzeichen und die Regel „mindestens zwei davon“ stammen aus einem 2025 veröffentlichten fachlichen Vorschlag zur Verbesserung der diagnostischen Genauigkeit bei Entwicklungsstörungen. Sie sind kein anerkanntes Diagnosekriterium und ersetzen weder die Kriterien der ICD-11 noch die des DSM-5-TR. Für Angehörige sind sie dennoch nützlich, weil sie zeigen, worauf es bei der Beobachtung besonders ankommt.
Die fünf Kernzeichen im Überblick
- Stupor oder BewegungslosigkeitWeitgehendes Fehlen von Reaktion auf die Umgebung bei erhaltenem Wachzustand.
- Neu aufgetretener MutismusVerstummen bei einer Person, die zuvor gesprochen hat.
- Haltungsverharren oder Katalepsie mit wächserner BiegsamkeitDie Person hält von außen eingenommene Körperhaltungen über längere Zeit bei.
- Ausgeprägter Negativismus oder RückzugWiderstand oder fehlende Reaktion auf alle Aufforderungen, unabhängig vom Inhalt.
- Reizunabhängige ErregungAgitation ohne erkennbaren äußeren Auslöser – ein wichtiger Unterschied zur sensorisch ausgelösten Überlastung.
Die drei Zustände im Vergleich
| Merkmal | Shutdown | Autistisches Burnout | Katatonie |
|---|---|---|---|
| Dauer nur Orientierung, keine Grenzwerte | eher kurz, oft Minuten bis Stunden | eher langfristig, oft Wochen bis Monate | sehr unterschiedlich, häufig fortschreitend |
| Auslöser | Meist klar erkennbar: Reizüberflutung, sozialer Druck | Chronische Überforderung, dauerhaftes Maskieren | Oft Stress oder Medikamente, häufig aber nicht eindeutig zuzuordnen |
| Motorik | Rückzug, Erstarrung, meist ohne Haltungsverharren | Erschöpfung, Verlangsamung | Einfrieren mitten in Bewegungen, Haltungsverharren, Katalepsie |
| Erholung | Nach Rückzug und Reizreduktion | Langsam über Wochen bei Entlastung | Bessert sich durch Entlastung allein meist nicht ausreichend |
| Lorazepam-Test | Nicht indiziert | Nicht indiziert | Häufig deutliche, rasche Besserung |
Diese Tabelle ist eine Orientierungshilfe, kein Diagnoseinstrument. Die Übergänge sind fließend, und alle drei Zustände können nacheinander oder gleichzeitig auftreten. Die Zeitangaben sind ausdrücklich nur Orientierungswerte: Für Shutdown und autistisches Burnout gibt es keine verbindlichen diagnostischen Zeitgrenzen, weil beide keine Diagnosen der ICD-11 oder des DSM-5-TR sind.
Daraus folgt auch, wie ein lang anhaltender Shutdown einzuordnen ist: Ein ungewöhnlich lange bestehender shutdownähnlicher Zustand oder eine fortschreitende Verschlechterung sollte medizinisch abgeklärt werden. Aus der Dauer allein lässt sich aber keine Katatonie ableiten – der Anlass zur Abklärung ist die Verschlechterung, nicht die verstrichene Zeit.
Und was ist mit PDA?
Der katatone Negativismus wird gelegentlich mit PDA (Pathological Demand Avoidance) verwechselt. Der Unterschied ist im Alltag gut erkennbar: Bei PDA richtet sich die Vermeidung gegen die Anforderung – dieselbe Handlung gelingt oft mühelos, sobald sie nicht verlangt wird, und Aushandeln, indirekte Sprache und Wahlmöglichkeiten helfen. Beim katatonen Negativismus bleibt die Blockade unabhängig davon bestehen, wer was wie formuliert, und sie geht mit motorischen Zeichen einher. Wichtig ist außerdem der zeitliche Verlauf: PDA ist ein durchgängiges Muster, katatoner Negativismus tritt neu auf.
Vier Erscheinungsformen
In der aktuellen Fachdiskussion werden vier klinisch unterscheidbare Bilder beschrieben, die bei autistischen Menschen und Menschen mit Intelligenzminderung vorkommen. Wichtig zur Einordnung: Diese Einteilung ist ein fachlicher Beschreibungsvorschlag aus dem Jahr 2025, keine offizielle Klassifikation. Die ICD-11 kennt keine dieser vier Formen als eigene Unterkategorie – die „regressionsassoziierte Katatonie“ ist dort ebenso wenig eine Diagnose wie die „erregte Katatonie“. Für die Verständigung im Alltag und in der Sprechstunde sind die Begriffe trotzdem hilfreich.
1. Gehemmte Katatonie
Das klassische und häufigste Bild: Stupor, Bewegungslosigkeit, Mutismus, Haltungsverharren, ausgeprägter Rückzug. Diese Form wird am ehesten als Depression, Verweigerung oder Regression fehlgedeutet.
2. Erregte Katatonie
Zielloses, nicht durch die Umgebung ausgelöstes Umhergetriebensein, oft im Wechsel mit Phasen der Erstarrung. Sie wird leicht mit sensorisch bedingter Unruhe oder einer Aufmerksamkeitsstörung verwechselt. Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal ist die Reizunabhängigkeit: Die Erregung entsteht ohne erkennbaren äußeren Anlass.
3. Maligne (perniziöse) Katatonie
Lebensbedrohlicher Verlauf mit Fieber, Kreislaufinstabilität und stark erhöhter Kreatinkinase im Blut. Diese Form ist ein intensivmedizinischer Notfall. Sie ähnelt dem malignen neuroleptischen Syndrom und wird ebenfalls mit sofortigem Absetzen von Antipsychotika und, bei fehlendem Ansprechen, mit Elektrokonvulsionstherapie behandelt.
4. Regressionsassoziierte Katatonie
Plötzlicher Verlust von Sprache, Selbstversorgungsfähigkeiten und sozialer Wechselseitigkeit, begleitet von psychomotorischer Verlangsamung. Besonders gut beschrieben ist dieses Bild bei Menschen mit Down-Syndrom, es kommt aber auch bei autistischen Jugendlichen vor.
Ursachen und Auslöser
Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Stattdessen beschreibt die Fachliteratur ein Zusammenspiel aus psychosozialer Belastung, Medikamentenwirkungen und körperlichen Faktoren.
Stress und Überforderung
Die National Autistic Society nennt anhaltenden Stress und Angst als einen der Hauptfaktoren für katatonieartige Zusammenbrüche bei autistischen Menschen. Typische Auslöser sind Übergänge und Verluste: der Wechsel von der Schule in die Ausbildung, ein Umzug, der Tod einer Bezugsperson, das Wegfallen einer vertrauten Betreuung, Mobbing, sowie chronische Überforderung durch Anforderungen, die dauerhaft über den eigenen Kräften liegen. Wo belastende Erfahrungen eine Rolle spielen, lohnt auch ein Blick auf Autismus und Trauma.
Medikamente
Als zweiter Hauptfaktor gelten Nebenwirkungen psychiatrischer Medikamente. Besonders relevant sind dabei Antipsychotika, die katatone Zustände auslösen oder verstärken können. Auch das abrupte Absetzen von Benzodiazepinen ist ein bekannter Auslöser. Die ICD-11 führt substanz- oder medikamenteninduzierte Katatonie deshalb als eigene Kategorie (6A41).
Körperliche Ursachen
Vor jeder psychiatrischen Zuordnung gehört deshalb eine körperliche Abklärung. In Betracht kommen dabei unter anderem:
- Autoimmunerkrankungen des Gehirns, insbesondere die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, die als Auslöser katatoner Zustände gut belegt ist.
- Infektionen und Entzündungen des Zentralnervensystems.
- Stoffwechselentgleisungen, etwa eine diabetische Ketoazidose oder Störungen von Schilddrüse, Natrium und Kalzium.
- Anfallsleiden: Epilepsie ist bei Autismus deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung.
- Unerkannte Schmerzen, etwa Zahnschmerzen, Verstopfung oder Refluxbeschwerden, die bei eingeschränkter Sprache nicht mitgeteilt werden können. Eine veränderte Interozeption kann zusätzlich dazu führen, dass Körpersignale gar nicht bewusst wahrgenommen werden.
Biologische Mechanismen
Auf der Ebene der Hirnfunktion wird derzeit ein Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Signalen diskutiert, insbesondere im GABA-System – was auch das gute Ansprechen auf Benzodiazepine erklären würde. Übersichtsarbeiten weisen außerdem auf einen Zusammenhang zwischen Veränderungen im SHANK3-Gen und einem erhöhten Katatonie-Risiko hin. Diese Befunde sind allerdings Forschungsstand und bislang keine Grundlage für die Routinediagnostik.
Wann es ein Notfall ist
Sofort Notruf 112
Bei diesen Zeichen darf nicht abgewartet werden:
- Fieber zusammen mit Muskelsteifigkeit oder Erstarrung.
- Kreislaufinstabilität: stark schwankender Blutdruck, rasender oder sehr langsamer Puls, starkes Schwitzen.
- Bewusstseinsstörungen oder Atemprobleme.
- Schwere Selbstgefährdung, etwa selbstverletzendes Verhalten, das nicht unterbrochen werden kann.
Dringend ärztlich beurteilen lassen – noch am selben Tag
Ohne die Zeichen oben ist nicht automatisch der Rettungsdienst nötig, eine zügige ärztliche Beurteilung aber sehr wohl:
- Deutlich verminderte oder unmögliche Flüssigkeitsaufnahme – Trinken wiegt schwerer als Essen.
- Schluckprobleme oder Verschlucken.
- Stark verringerte Urinmenge oder Zeichen der Austrocknung: trockene Schleimhäute, eingesunkene Augen, Benommenheit.
- Anhaltende Bewegungslosigkeit über längere Zeit.
Wie dringend es ist, hängt vom Gesamtbild ab – von der Flüssigkeitsaufnahme, vom Allgemeinzustand und von Begleitsymptomen. Bei Kindern, bei Hitze, bei Fieber und bei Vorerkrankungen wird eine fehlende Flüssigkeitsaufnahme deutlich schneller gefährlich als bei gesunden Erwachsenen. Im Zweifel lieber einmal zu früh anrufen: Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116 117 erreichbar.
Auch unabhängig davon gilt: Eine anhaltende Bewegungslosigkeit ist medizinisch riskant. Beschrieben sind Thrombosen und Lungenembolien, Austrocknung, Mangelernährung, Druckgeschwüre und Lungenentzündungen durch Verschlucken. Katatonie ist deshalb auch ohne Fieber kein Zustand, den man beobachtend aussitzen sollte. Krisentelefone, Kliniken und Soforthilfen sind auf unserer Seite Notfall und Soforthilfe bei Autismus zusammengestellt.
Diagnostik Schritt für Schritt
Die Diagnose wird klinisch gestellt, also aus Beobachtung und Untersuchung. Denn es gibt weder einen Bluttest noch eine Bildgebung, die eine Katatonie beweist. Standardisierte Skalen und die körperliche Abklärung stützen die Einschätzung daher lediglich, sie ersetzen sie nicht.
Die Klassifikationssysteme
Das DSM-5-TR verlangt mindestens drei von zwölf Merkmalen: Stupor, Katalepsie, wächserne Biegsamkeit, Mutismus, Negativismus, Haltungsverharren, Manierismen, Stereotypien, psychomotorische Erregung, Grimassieren, Echolalie und Echopraxie.
Die ICD-11 fordert ebenfalls mindestens drei Merkmale, ordnet sie aber drei Gruppen zu: verminderte psychomotorische Aktivität, gesteigerte psychomotorische Aktivität und abnorme psychomotorische Aktivität. Aus der Gruppe der gesteigerten Aktivität wird dabei nur ein Merkmal gezählt. Die Zeichen müssen in der Regel über mindestens mehrere Stunden bestehen – bei besonders schwerer Ausprägung können sie bereits ab etwa 15 Minuten gewertet werden – und entweder zu deutlicher Funktionsbeeinträchtigung führen oder so schwer sein, dass medizinische Komplikationen drohen.
Standardisierte Skalen
| Instrument | Aufbau | Einsatz |
|---|---|---|
| Bush-Francis Catatonia Rating Scale (BFCRS) | 23 Merkmale; die meisten werden mit 0 bis 3 Punkten bewertet, sechs nur mit 0 oder 3. Die ersten 14 Merkmale bilden das Screening | Am weitesten verbreitet. Sind mindestens zwei der 14 Screening-Merkmale auffällig, soll die vollständige Skala erhoben werden – das Screening allein ist noch keine Diagnose |
| Pediatric Catatonia Rating Scale (PCRS) | An das Kindes- und Jugendalter angepasste Fassung; ab einem Wert von 9 Punkten spricht das Ergebnis für eine Katatonie | Für jüngere Betroffene. Von Benarous und Kollegen 2016 an stationär behandelten Kindern und Jugendlichen validiert – allerdings nicht speziell für Autismus entwickelt und nicht für alle Versorgungssituationen geprüft |
| Attenuated Behaviour Questionnaire (ABQ) | 34 Merkmale in drei Bereichen (Motorik, Affekt, Verhalten), davon sechs Kernmerkmale | Speziell für Autismus entwickelt; als Screening gedacht, kann die Häufigkeit überschätzen |
| Northoff Catatonia Rating Scale | Alternative Fremdbeurteilungsskala | Im deutschsprachigen Raum ebenfalls gebräuchlich |
Der Lorazepam-Test
Der Lorazepam-Test ist übrigens zugleich diagnostisches Hilfsmittel und Behandlungsbeginn. Ärztlich werden üblicherweise 1 bis 2 Milligramm Lorazepam verabreicht, in der Regel intravenös, und die katatonen Zeichen anschließend erneut beurteilt. Als positiv gilt eine deutliche Besserung – häufig definiert als Rückgang um mindestens 50 Prozent auf einer standardisierten Skala.
Wichtig bei autistischen Menschen
Gewertet werden muss die objektive Rückbildung katatoner Zeichen – dass eine Haltung sich löst, dass Sprache zurückkehrt, dass eine Bewegung wieder in Gang kommt. Eine bloße Beruhigung durch die sedierende Wirkung ist kein positives Testergebnis. Außerdem gilt der Test nicht als Ersatz für die klinische Einordnung: Erst wird das Syndrom erhoben, dann getestet.
Und er ist ein Hinweis, kein Beweis: Eine deutliche Besserung stützt die Diagnose, sichert sie aber nicht – und ein negativer Test schließt eine Katatonie nicht aus. Gerade bei länger bestehenden Verläufen bleibt die Reaktion häufiger aus, ohne dass die Diagnose deshalb falsch wäre.
Körperliche Abklärung
Zur Basisdiagnostik gehören in der Regel Blutbild, Entzündungswerte, Elektrolyte, Nieren- und Leberwerte, Schilddrüsenwerte, Kreatinkinase und Blutzucker. Je nach Bild kommen außerdem EEG, Bildgebung des Kopfes, Untersuchung des Nervenwassers und die Bestimmung von Autoantikörpern hinzu. Bei jungen Menschen mit rasch einsetzender Katatonie sollte insbesondere an eine Autoimmunenzephalitis gedacht werden.
Behandlung
Fachleute empfehlen ein Vorgehen auf drei parallelen Ebenen: erstens Komplikationen verhindern, zweitens die katatonen Symptome behandeln und drittens die zugrunde liegenden Ursachen angehen. Diese drei Ebenen laufen nebeneinander, nicht nacheinander.
1. Auslöser beseitigen und Umfeld anpassen
Gerade bei autistischen Menschen ist dieser Schritt nicht nachrangig, sondern zentral – und er ist unabhängig vom weiteren Vorgehen immer sinnvoll. Die britische National Autistic Society und die von Amitta Shah beschriebene psychoökologische Herangehensweise empfehlen:
- Belastungsquellen systematisch erfassen und reduzieren – Anforderungen, Reizüberflutung, soziale Erwartungen, unvorhersehbare Abläufe.
- Psychiatrische Medikation überprüfen und Nebenwirkungen als mögliche Ursache ausschließen.
- Struktur und Vorhersagbarkeit im Tagesablauf herstellen, ohne neue Anforderungen aufzubauen.
- Außenmotivation und Anleitung nutzen: verbales Anstoßen von Bewegungen, gemeinsames Beginnen von Handlungen. Körperliche Impulse nur, wenn die Person sie kennt und akzeptiert (siehe Kasten weiter unten).
- Aktivität erhalten, weil völlige Bewegungslosigkeit medizinische Risiken mit sich bringt.
- Aufklärung aller Beteiligten, damit die Verlangsamung nicht als Verweigerung missverstanden und mit Druck beantwortet wird.
2. Benzodiazepine
Erstes Mittel der Wahl ist Lorazepam. Dabei können bei einer Katatonie deutlich höhere Dosen als bei Angststörungen erforderlich sein – das ist der wesentliche Unterschied zur sonst üblichen Anwendung. Die Dosis wird individuell und schrittweise gesteigert; begrenzt wird sie durch die erzielte Wirkung, das Ausmaß der Sedierung, die Atmung, Vorerkrankungen und mögliche Wechselwirkungen. Eine solche Behandlung gehört deshalb in stationäre oder engmaschig überwachte fachärztliche Hand.
Bitte niemals selbst dosieren
Eine eigenständige Einnahme oder eine Änderung der Dosis auf eigene Faust ist gefährlich – sowohl das Steigern als auch das Absetzen. Ein abruptes Absetzen von Benzodiazepinen kann eine Katatonie sogar auslösen. Konkrete Zahlen nennen wir hier bewusst nicht: Die richtige Dosis ergibt sich aus der Untersuchung am Menschen, nicht aus einer Tabelle.
Wichtig ist dabei eine realistische Erwartung: Die Metaanalyse von 2022 fand nämlich bei autistischen Menschen ein weniger zuverlässiges Ansprechen als in der allgemeinen Katatonie-Literatur. In den ausgewerteten Studien wurden Benzodiazepine bei 55,6 bis 95,5 Prozent der Betroffenen eingesetzt, in einem Drittel der Fälle jedoch mangels Besserung wieder abgesetzt. Ein ausbleibendes Ansprechen bedeutet also nicht, dass die Diagnose falsch war – sondern dass die nächste Behandlungsstufe erwogen werden muss.
3. Elektrokonvulsionstherapie (EKT)
Bei einer Katatonie, die auf Benzodiazepine nicht anspricht, sowie bei maligner Katatonie gilt die EKT als wirksamste Option. Die DGPPN führt in ihrer Stellungnahme von 2022 „katatone Syndrome (inklusive perniziöse Katatonie und malignes neuroleptisches Syndrom)“ ausdrücklich als eigenständige Indikation und beschreibt eine hohe Effektstärke. Ein junges Lebensalter stellt laut DGPPN an sich kein erhöhtes Risiko dar.
Zeitpunkt: bei schwerem Verlauf nicht hinauszögern
Hier ist eine Unterscheidung wichtig, die in Ratgebertexten oft untergeht. Bei maligner Katatonie ist Zeit ein kritischer Faktor: Klinische Behandlungsempfehlungen sehen vor, bei unzureichender Wirkung der Benzodiazepine innerhalb von etwa zwei bis drei Tagen – und bei Verschlechterung früher – eine EKT einzuleiten. Sie als „letztes Mittel“ immer weiter aufzuschieben, wäre in dieser Situation ein Fehler.
Bei weniger akuten Verläufen ist die Entscheidung dagegen individueller und hat Zeit. Die National Autistic Society mahnt, EKT bei autistischen Menschen erst nach Ausschöpfung anderer Möglichkeiten und bei schwerem Leidensdruck in Betracht zu ziehen – das ist für den nicht bedrohlichen Verlauf nachvollziehbar. Beides zusammen ergibt: EKT ist bei leichteren Verläufen keine erste Maßnahme, bei bedrohlichem Verlauf aber auch kein Tabu, sondern die Behandlung mit der besten Evidenz.
Für autistische Menschen mit Katatonie und schwerem selbstverletzendem Verhalten liegen Fallserien vor, die deutliche Besserungen beschreiben, teils unter fortgesetzter Erhaltungsbehandlung.
Was an Nebenwirkungen zu erwarten ist
Vorübergehende Gedächtnis- und Orientierungsprobleme sind häufig. Die DGPPN beschreibt sie als meist mild bis moderat ausgeprägt und in der Regel innerhalb von 15 bis 30 Tagen vollständig rückläufig. Der individuelle Verlauf kann davon abweichen – manche Betroffene berichten über länger anhaltende Erinnerungslücken, insbesondere für die Zeit rund um die Behandlung. Hinzu kommen die allgemeinen Risiken einer Kurznarkose, da jede Sitzung unter Narkose und Muskelrelaxation stattfindet. Diese Punkte gehören in das Aufklärungsgespräch, und es ist legitim, sie dort ausführlich anzusprechen.
Vorsicht bei Antipsychotika
Antipsychotika können katatone Zustände auslösen oder verschlechtern und erhöhen das Risiko für ein malignes neuroleptisches Syndrom. In der Metaanalyse von 2022 erhielten dennoch 27 bis 100 Prozent der autistischen Betroffenen Antipsychotika. Die britischen Behandlungsempfehlungen von 2023 halten einen sorgfältig abgewogenen Einsatz für vertretbar, wenn gleichzeitig eine Psychose besteht – dann bevorzugt Präparate der zweiten Generation, begleitend Benzodiazepine und eine engmaschige Überwachung. Ein pauschaler Einsatz „gegen die Unruhe“ ist bei Katatonieverdacht dagegen riskant.
Weitere Optionen
Bei unzureichendem Ansprechen werden darüber hinaus NMDA-Rezeptor-Antagonisten wie Amantadin und Memantin eingesetzt, bei periodisch wiederkehrender Katatonie auch Lithium. Für autistische Menschen ist die Datenlage zu diesen Mitteln dünn; sie kommen im Einzelfall und nach fachärztlicher Abwägung in Betracht. Bei Hinweisen auf eine autoimmune Ursache können immunmodulierende Behandlungen erforderlich sein.
Was Angehörige tun können
- Veränderungen dokumentierenNotieren Sie mit Datum, was die Person vor drei, sechs und zwölf Monaten selbstständig konnte und was heute nicht mehr gelingt. Kurze Videos vom Alltag – etwa beim Anziehen oder beim Durchqueren einer Tür – sind für die ärztliche Einschätzung oft aussagekräftiger als jede Beschreibung.
- Das Wort „Katatonie“ aussprechenBitten Sie ausdrücklich darum, eine Katatonie abklären zu lassen, und nennen Sie die beobachteten Zeichen. Weil das Syndrom bei Autismus häufig übersehen wird, macht eine gezielte Nachfrage einen Unterschied.
- Druck herausnehmenVerlangsamung ist keine Verweigerung. Fordern, Drängen und Konsequenzen verschlimmern die Blockade in aller Regel.
- Anstoßen statt auffordernGemeinsames Beginnen einer Bewegung, rhythmisches Zählen, ein Lied oder das eigene Vormachen können eine blockierte Handlung in Gang bringen, wo eine verbale Aufforderung nicht ankommt. Diese Hilfen kommen ohne Berührung aus und sind deshalb der sichere Einstieg.
- Anforderungen vorübergehend senkenSchule, Ausbildung oder Arbeit brauchen möglicherweise eine Pause oder eine deutlich reduzierte Belastung. Das ist keine Kapitulation, sondern Teil der Behandlung.
- Körperliche Grundversorgung sichernTrinken, Essen, Toilettengang und Bewegung im Blick behalten. Verschlechtert sich einer dieser Punkte deutlich, ist das ein Grund für ärztliche Vorstellung.
- Einen Krisenplan anlegenHalten Sie Frühwarnzeichen, hilfreiche Strategien und Notfallkontakte schriftlich fest, damit im Ernstfall nicht improvisiert werden muss. Unser Krisenplan-Generator erstellt daraus in vier Schritten ein PDF zum Ausdrucken.
- Sich selbst entlastenEine Katatonie in der Familie ist eine hohe Belastung über Monate. Holen Sie Unterstützung, bevor die eigenen Kräfte aufgebraucht sind.
Wichtig zu körperlichen Impulsen
Eine leichte Berührung – etwa am Ellenbogen – kann helfen, eine Blockade zu lösen. Sie ist aber keine allgemeine Selbsthilfemaßnahme, sondern nur dann angebracht, wenn die Person diese Art der Unterstützung kennt und akzeptiert. Klären Sie das nach Möglichkeit in einer ruhigen Phase, nicht mitten in der Blockade.
Niemals gegen Widerstand bewegen. Ungewöhnliche Körperhaltungen nicht korrigieren. Bei Schmerzen, Steifigkeit oder akuter Verschlechterung keine Bewegungen erzwingen. Bei einer neu aufgetretenen schweren Blockade hat die medizinische Abklärung Vorrang vor jedem Mobilisierungsversuch – auch weil hinter der Steifigkeit eine behandlungsbedürftige Ursache stecken kann.
Checkliste zum Ausdrucken
Für den Arzttermin haben wir die Warnzeichen zu einem dreiseitigen Beobachtungsbogen zusammengefasst – mit den fünf Kernzeichen, einer Auswertungshilfe und Platz für Verlaufsnotizen. Sie finden ihn kostenlos in unserem Downloadbereich.
Hinweise für Fachleute
Eine Übersichtsarbeit von Nyrenius, Zander und Kollegen (2025) zum gemeinsamen Auftreten von Autismus, Psychose und Katatonie fand aus 752 gesichteten Veröffentlichungen lediglich 17 Arbeiten, die alle drei Zustände zusammen betrachteten – knapp zwei Drittel davon Einzelfallberichte. Als eines von drei Kernthemen identifizierten die Autoren die verzögerte Katatonie-Diagnose bei Autismus – die bekannte Autismus-Diagnose überstrahlt die neue Symptomatik. Die beiden anderen Themen waren eine unzureichend beschriebene Psychose-Diagnostik und eine sehr uneinheitliche Behandlung. Ein besonderes Risiko liegt außerdem darin, dass Antipsychotika bei nicht erkannter Katatonie die Symptome verschlechtern, statt sie zu lindern.
Daraus ergeben sich mehrere praktische Konsequenzen:
- Bei jeder neu aufgetretenen funktionellen Verschlechterung eines autistischen Menschen die Katatonie aktiv in die Differenzialdiagnose aufnehmen.
- Anamnese auf Veränderung ausrichten: Was war vorher möglich? Wann begann der Abbau? Nur so lassen sich Ausgangsmerkmale von neuen Zeichen trennen.
- Fremdanamnese einholen von Menschen, die die Person über längere Zeit kennen.
- Medikamentenanamnese einschließlich kürzlicher Dosisänderungen und Absetzvorgänge.
- Körperliche Ursachen ausschließen, bevor die Verschlechterung psychiatrisch zugeordnet wird.
- Bei bestätigter Katatonie rasch behandeln – ein früher Behandlungsbeginn verbessert die Aussichten deutlich.
Häufige Fragen
Grundlagen und Abgrenzung
Ist Katatonie bei Autismus eine eigene Diagnose?
Ja. In der ICD-11 ist Katatonie eine eigenständige Diagnosegruppe, die zusätzlich zur Autismus-Diagnose vergeben wird. Für die Form, die gemeinsam mit einer anderen psychischen Störung auftritt, steht der Code 6A40; die Weltgesundheitsorganisation nennt Autismus dort ausdrücklich als eine mögliche Grunderkrankung. Auch das DSM-5-TR sieht Katatonie als Zusatzbezeichnung vor. Der Begriff „autistische Katatonie“ ist in der Fachliteratur gebräuchlich, aber keine eigene Kategorie in den Klassifikationssystemen.
Mein Kind war schon immer langsam und spricht wenig. Ist das Katatonie?
Nicht ohne Weiteres. Langsamkeit, wenig Sprache, Stereotypien und Echolalie gehören bei einem Teil der autistischen Menschen zum dauerhaften Ausgangsbild und sind für sich genommen kein Hinweis auf eine Katatonie. Entscheidend ist die Veränderung: Wenn Fähigkeiten verloren gehen, die vorher sicher vorhanden waren, wenn die Verlangsamung deutlich zunimmt oder wenn neue Zeichen wie Einfrieren mitten in Bewegungen, Haltungsverharren oder ein neu aufgetretener Mutismus dazukommen, ist eine Abklärung angezeigt.
Wie lange dauert eine Katatonie?
Das ist sehr unterschiedlich. Bei rascher Behandlung kann sich eine Katatonie innerhalb von Tagen bis Wochen deutlich bessern. Wing und Shah beschrieben demgegenüber auch chronische Verläufe über Jahre, die die Belastung für Betroffene und Angehörige erheblich erhöhen. Ein früher Behandlungsbeginn ist der wichtigste beeinflussbare Faktor.
Kann Katatonie zurückkommen?
Ja, Rückfälle sind beschrieben, besonders bei erneuter starker Belastung oder beim zu raschen Absetzen wirksamer Medikamente. Deshalb gehören zur Nachsorge eine dauerhafte Anpassung der Anforderungen, ein verlässliches Umfeld und ein klarer Plan, an wen sich Betroffene und Angehörige bei den ersten Anzeichen wenden können.
Behandlung und Anlaufstellen
An wen wende ich mich in Deutschland?
Erste Anlaufstelle ist eine Fachärztin oder ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie beziehungsweise für Psychiatrie und Psychotherapie, idealerweise mit Erfahrung im Bereich Autismus. Spezialambulanzen an Universitätskliniken und Autismus-Therapiezentren können weitervermitteln – passende Adressen in Ihrer Nähe finden Sie über unseren Anlaufstellenfinder. Bei akuter Verschlechterung mit Fieber, Kreislaufproblemen oder Nahrungsverweigerung ist die Notaufnahme der richtige Weg – nicht das Warten auf einen Facharzttermin; die wichtigsten Nummern stehen auf unserer Seite Notfall und Soforthilfe.
Ist EKT bei jungen Menschen vertretbar?
Die Frage lässt sich nur im Einzelfall beantworten. Die DGPPN hält fest, dass ein junges Lebensalter an sich kein erhöhtes Risiko darstellt, und nennt katatone Syndrome ausdrücklich als Indikation. Fallserien bei autistischen Jugendlichen mit Katatonie und schwerem selbstverletzendem Verhalten beschreiben deutliche Besserungen. Gleichzeitig ist EKT eine eingreifende Behandlung, die eine sorgfältige Aufklärung, eine wirksame Einwilligung und eine spezialisierte Klinik voraussetzt.
Entscheidend ist die Schwere des Verlaufs: Bei einer malignen Katatonie soll die EKT nicht hinausgezögert werden, wenn Benzodiazepine nicht ausreichend wirken. Bei weniger bedrohlichen Verläufen ist es dagegen richtig, zuerst andere Wege auszuschöpfen und die Entscheidung in Ruhe zu treffen.
Wo finde ich weiterführende Informationen?
Diese Stellen bieten fundierte Informationen zum Thema:
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Quellen
Studien und Übersichtsarbeiten
- Wing, L. & Shah, A. (2000): Catatonia in autistic spectrum disorders. The British Journal of Psychiatry, 176(4), 357–362.
- Vaquerizo-Serrano, J., Salazar de Pablo, G., Singh, J. & Santosh, P. (2022): Catatonia in autism spectrum disorders: A systematic review and meta-analysis. European Psychiatry, 65(1), e4.
- Moore, S., Amatya, D. N., Chu, M. M. & Besterman, A. D. (2022): Catatonia in autism and other neurodevelopmental disabilities: a state-of-the-art review. npj Mental Health Research, 1, 12.
- Munir, K. M. (2025): Rethinking Catatonia in Neurodevelopmental Conditions: Toward a Refined Typology and Research Framework. Psychiatry and Clinical Psychopharmacology, 35(4), 315–321.
- Nyrenius, J., Zander, E., Ghaziuddin, M. & Ghaziuddin, N. (2025): Co-occurrence of Autism, Psychosis and Catatonia: A Scoping Review. Journal of Autism and Developmental Disorders.
- Hasan, S. et al. (2025): Systematic Review of Symptoms of Catatonia in Autism Spectrum Disorder. Journal of Autism and Developmental Disorders.
- Breen, J. & Hare, D. J. (2017): The nature and prevalence of catatonic symptoms in young people with autism. Journal of Intellectual Disability Research, 61(6), 580–593.
- Benarous, X., Consoli, A., Raffin, M., Bodeau, N., Giannitelli, M., Cohen, D. & Olliac, B. (2016): Validation of the Pediatric Catatonia Rating Scale (PCRS). Schizophrenia Research, 176(2–3), 378–386.
Leitlinien, Fachgesellschaften und Fachbücher
- Rogers, J. P. et al. (2023): Evidence-based consensus guidelines for the management of catatonia: Recommendations from the British Association for Psychopharmacology. Journal of Psychopharmacology, 37(4), 327–369.
- Rogers, J. P., Wilson, J. E. & Oldham, M. A. (2025): Catatonia in ICD-11. BMC Psychiatry, 25, 456.
- Brühl, A. B. (2025): Katatonie und ihre Behandlung – eine Übersicht für die Praxis. der informierte @rzt, Juni 2025.
- DGPPN u. a. (2022): Stellungnahme „Indikationen zur Elektrokonvulsionstherapie“, 04.07.2022.
- National Autistic Society (Stand 2026): Catatonia and catatonia-type breakdown in autism.
- Shah, A. (2019): Catatonia, Shutdown and Breakdown in Autism. A Psycho-Ecological Approach. Jessica Kingsley Publishers, London.
- Weltgesundheitsorganisation: ICD-11, Kapitel 06, Block Katatonie (6A40–6A4Z, 6E69).
- Bush, G. et al.: Bush-Francis Catatonia Rating Scale; Anwendungshinweise der Academy of Consultation-Liaison Psychiatry (2025).
- NHS Lothian (2024): Catatonia Guideline – Behandlungsalgorithmus und Zeitfenster für die EKT bei maligner Katatonie.
Wichtiger Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Die genannten Medikamente und Dosierungen geben den in der Fachliteratur berichteten Stand wieder und sind keine Therapieempfehlung für den Einzelfall. Bei Verdacht auf eine Katatonie wenden Sie sich bitte an eine Fachärztin oder einen Facharzt; bei Fieber, Kreislaufproblemen oder Nahrungsverweigerung sofort an den Notruf 112 oder eine Notaufnahme.
Stand: August 2026 · autismus-ratgeber.de