Angststörungen

Komorbiditäten-Serie · Angst & Autismus

Angst gehört für viele autistische Menschen zum Alltag – nicht als seltene Ausnahme, sondern als dauerhafter Begleiter. Treppenhäuser, Telefonanrufe, unerwartete Planänderungen, der Supermarkt am Samstagvormittag: Was für neurotypische Menschen kaum der Rede wert ist, kann für autistische Menschen mit einer Angststörung zur unüberwindbaren Hürde werden. Dieser Ratgeber erklärt, warum Angststörungen im Autismus-Spektrum so häufig auftreten, wie sie sich zeigen, wie die Diagnose gelingt – und welche Behandlungsansätze wirklich helfen.

📌 Das Wichtigste auf einen Blick

Angststörungen sind die häufigste psychische Komorbidität bei Autismus. 40 % aller autistischen Menschen haben klinisch erhöhte Angstzustände oder mindestens eine diagnostizierte Angststörung. Die Behandlung muss autismusspezifisch angepasst sein – Standard-Expositionsübungen greifen bei autistischer Sozialvermeidung nicht.

Wie häufig sind Angststörungen bei Autismus?

Die Zahlen sind eindeutig: Angststörungen und Autismus treten außergewöhnlich häufig gemeinsam auf. Das ist keine zufällige Koinzidenz, sondern hat neurobiologische Wurzeln. Verschiedene Studien zeigen übereinstimmend:

40 %
aller Autisten haben klinisch erhöhte Angstzustände oder mind. eine Angststörung
86 %
autistischer Erwachsener berichten von täglichen Angstproblemen (Zaboski et al. 2018)
63–97 %
der Menschen im Autismus-Spektrum haben mind. eine weitere psychische Störung – Angst ist am häufigsten
29 %
haben eine soziale Angststörung – die häufigste Einzel-Komorbidität bei Autismus

Zum Vergleich: In der deutschen Allgemeinbevölkerung haben laut dem DAK Kinder- und Jugendreport 2025 etwa 22 von 1.000 Kindern und Jugendlichen (5–17 Jahre) eine diagnostizierte Angststörung. Bei Jugendlichen (15–17 Jahre) liegt die Quote bei 44 je 1.000 – und ist damit seit 2019 um 17 % gestiegen, besonders bei Mädchen (30 je 1.000 vs. 15 bei Jungen). Im Autismus-Spektrum sind diese Zahlen dramatisch höher.

⚠️ Wichtig zu wissen

Eine Angststörung bei autistischen Menschen ist keine Schwäche und kein Charakterfehler – sie ist eine direkte neurobiologische Folge des Zusammenspiels von sensorischer Überempfindlichkeit, sozialer Überlastung und chronischem Stress. Sie ist behandelbar, aber die Behandlung muss auf Autismus zugeschnitten sein.

Welche Angststörungen treten bei Autismus auf?

Autistische Menschen entwickeln das gesamte Spektrum klinischer Angststörungen – in anderen Häufigkeiten als die Allgemeinbevölkerung. Die Forschung von Zaboski et al. (2018) dokumentiert die Verteilung systematisch:

Angststörung Häufigkeit bei Autismus Besonderheit im Spektrum
Spezifische Phobien 30–44 % Häufig durch sensorische Überreizung ausgelöst (Geräusche, Texturen, Licht)
Generalisierte Angststörung (GAS) 15–35 % Dauerhaftes Gedankenkreisen, schwer von autistischem Grübeln abzugrenzen
Soziale Phobie / Soziale Angststörung 17–30 %; als Einzeldiagnose 29 % Häufigste Komorbidität; Ursache oft Mobbing & Ablehnung, nicht soziale Inkompetenz
Trennungsangst 9–38 % Besonders bei Kindern; verstärkt durch fehlendes soziales Auffangnetz
Zwangsstörung (OCD) 17–37 % Schwer von autistischen Routinen zu unterscheiden → eigener Ratgeber empfohlen
PTBS / Posttraumatische Belastungsstörung ~45 % (Rumball et al. 2021) Durch Mobbing, Ausgrenzung, sensorische Traumata; wird häufig übersehen
Panikstörung Erhöht, genaue Zahlen variieren Panikattacken können mit Meltdowns verwechselt werden
🔄 Wichtiger Hinweis zu OCD

Zwangsstörungen (OCD) werden in dieser Tabelle der Vollständigkeit halber aufgeführt, haben aber eine besondere Diagnose-Problematik: Autistische Routinen und echte Zwangshandlungen sehen von außen ähnlich aus, haben aber fundamental unterschiedliche Ursachen. Dazu gibt es einen eigenen ausführlichen Artikel: Zwangsstörungen bei Autismus.

Warum entwickeln autistische Menschen so häufig Angststörungen?

Es gibt nicht eine Ursache – sondern ein komplexes Zusammenspiel aus neurobiologischen Besonderheiten, sozialen Erfahrungen und dem chronischen Stress einer Welt, die nicht auf autistische Bedürfnisse ausgelegt ist.

👂
Sensorische Überempfindlichkeit
Autistische Menschen verarbeiten Sinnesreize intensiver. Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen, die neurotypischen Menschen kaum auffallen, können für autistische Menschen schmerzhaft und bedrohlich wirken. Daraus entsteht oft eine sekundäre Angst – die reale, begründete Angst vor der nächsten Reizüberflutung.
🎭
Masking & chronischer Stress
70–90 % der autistischen Erwachsenen maskieren ihre autistischen Verhaltensweisen, um sozial akzeptiert zu werden (Wikipedia, adhs-autismus-adressen.de). Das permanente „So-tun-als-ob“ kostet enorme Energie und führt zu einem chronischen Stresszustand, der direkt in Angststörungen münden kann. Die ständige Angst, „entlarvt“ zu werden, verstärkt die Symptome weiter.
🤝
Soziale Erfahrungen & Mobbing
Autistische Menschen erleben Ausgrenzung, Ablehnung und Mobbing weit häufiger als Nicht-Autisten. Soziale Angststörungen entstehen in vielen Fällen nicht aus einer angeborenen sozialen Schwäche heraus, sondern aus dem nachvollziehbaren Lernprozess: Soziale Situationen enden oft schlecht – also vermeidet man sie.
🧭
Interozeptions­probleme
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten, körperliche Signale wahrzunehmen und richtig zuzuordnen (Interoception). Herzrasen, Engegefühl in der Brust, Schwitzen – diese Körpersignale werden zu spät oder gar nicht als Angst erkannt. So können Angstzustände lange unbemerkt bleiben oder eskalieren, bevor sie bemerkt werden.
🔄
Unvorhersehbarkeit
Autistische Menschen brauchen Vorhersehbarkeit und Struktur. Wenn Routinen unterbrochen werden, Übergänge ungeplant kommen oder Situationen unklar sind, aktiviert das das Stresssystem. Über Zeit kann diese Grundanspannung zu einer generalisierten Angststörung werden.
🧬
Neurobiologische Überlappung
Autismus und Angststörungen teilen neurobiologische Mechanismen – insbesondere in der Amygdala-Aktivität und der Verarbeitung von Bedrohungsreizen. Erhöhte Gamma-Aktivität im EEG, die bei Autismus konsistent nachgewiesen wird, korreliert mit sensorischer Übersensitivität und erhöhter Angstwachheit.

Der Teufelskreis: Wie Angst sich selbst verstärkt

🔁 Typischer Kreislauf bei Autismus & Angst
Sensorische Reizüberflutung Angstreaktion Vermeidung der Situation Weniger Übung & soziale Isolation Angst wächst weiter

Die Deutsche Angst-Hilfe e.V. beschreibt diesen Kreislauf präzise: Reizüberflutung und Überforderung führen zu Angst, Angst führt zu Vermeidung, Vermeidung führt zu Isolation – und Isolation verstärkt die Angst. Dieses Muster ist bei Autismus besonders ausgeprägt, weil die sensorischen Auslöser allgegenwärtig und kaum zu kontrollieren sind.

Wie zeigt sich Angst bei autistischen Menschen?

Angst äußert sich bei autistischen Menschen sowohl durch typische Angstsymptome als auch durch autismusspezifische Reaktionen. Das macht die Diagnose so schwierig – und führt dazu, dass Angststörungen bei autistischen Menschen oft jahrelang übersehen werden.

Typische Angstsymptome

  • Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Atemnot
  • Gedankenkreisen und katastrophisierende Gedanken
  • Schlafprobleme (Einschlafen, Durchschlafen)
  • Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen
  • Vermeidungsverhalten (Situationen werden gemieden)
  • Panikattacken

Autismusspezifische Ausdrucksformen von Angst

  • Erhöhtes Stimming – Selbststimulation nimmt zu (Schaukeln, Flattern, Summen)
  • Steigerung von Routinen und Ritualen – als Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen
  • Meltdowns oder Shutdowns – die Angst entlädt sich nicht verbal, sondern im Nervensystem
  • Erhöhte sensorische Empfindlichkeit – bereits kleine Reize werden unerträglich
  • Sozialer Rückzug – oft fälschlicherweise als „typisches autistisches Verhalten“ gedeutet
  • Selektiver Mutismus – Sprachlosigkeit in bestimmten Situationen
  • Körperliche Beschwerden ohne klare Ursache – weil Körpersignale nicht verbalisiert werden können (Alexithymie)
🔍 Diagnose-Herausforderung

Das Erkennen und Behandeln von Angstzuständen bei Autismus ist komplex, weil sich viele Symptome überschneiden. Jemand, der soziale Situationen vermeidet, kann eine soziale Angststörung haben – oder autistische Reizüberflutung erleben. Jemand, der in Gruppen still wird, könnte unsicher sein – oder nonverbalen Stress durch zu viele Reize verarbeiten. Zusätzlich erschwert Alexithymie die Selbstwahrnehmung: Viele autistische Menschen können ihre inneren Zustände nicht beschreiben, nicht weil sie sie nicht fühlen, sondern weil ihnen die emotionale Sprache fehlt.

Angststörung oder autismusbedingte Reaktion? Die entscheidende Unterscheidung

Nicht jede Angst bei Autismus ist automatisch eine klinische Angststörung. Diese Unterscheidung ist therapeutisch entscheidend:

Merkmal Autismusbedingte Reaktion Klinische Angststörung
Auslöser Konkrete sensorische Reize oder Reizüberflutung Oft diffus, nicht an konkrete Reize gebunden
Soziale Vermeidung Wegen sensorischer Überlastung oder Klarheitsbedarf Wegen Angst vor Bewertung und Ablehnung
Was hilft Umweltanpassung, Reizreduktion, Struktur Psychotherapie, ggf. Medikation
Verlauf ohne Behandlung Bleibt bei gleichen Bedingungen konstant Tendiert zur Ausweitung auf mehr Situationen

Ein viel beachtetes Zitat vom DGPPN-Kongress 2025 bringt es auf den Punkt: „Wer bei Autismus eine soziale Phobie erkennt, wird mit Expositionsübungen nicht weit kommen“ (Katharina Domschke, Springer Medizin 2026). Standardmäßige Expositionstherapie, die bei neurotypischen Sozialphobie-Patienten funktioniert, kann bei Autismus nicht nur wirkungslos sein – sie kann schaden.

Behandlung von Angststörungen bei Autismus

Die gute Nachricht: Angststörungen bei Autismus sind behandelbar. Die schlechte Nachricht: Viele Standardansätze müssen erheblich modifiziert werden, damit sie bei autistischen Menschen wirken. Autismus-unkundige Therapeuten können mit Standard-Protokollen mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Erstlinie
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) – modifiziert
KVT ist laut AWMF S3-Leitlinie (051-028) Erstlinientherapie bei Angststörungen (Empfehlungsgrad A). Bei Autismus muss sie angepasst werden: mehr Struktur und Visualisierungen, weniger abstrakte Introspektion, Einbeziehung von Sonderinteressen als Brücke, konkrete Verhaltenspläne statt offener Konzepte.
Alternative
ACT – Akzeptanz- und Commitment-Therapie
ACT arbeitet nicht mit dem Verändern von Gedanken, sondern mit dem Akzeptieren schwieriger Gefühle und dem Handeln nach eigenen Werten. Für autistische Menschen, denen abstrakte Introspektion schwerfällt, kann ACT besser geeignet sein als klassische KVT.
Medikamentös
SSRI – mit Vorsicht und Monitoring
SSRIs (z.B. Sertralin, Escitalopram, Paroxetin) sind laut S3-Leitlinie Empfehlung A bei sozialer Phobie. Bei Autismus ist die Datenlage dünner – weitere Forschung ist erforderlich. Die Kombination KVT + Sertralin ist wirksamer als Monotherapie (AIHTA). Engmaschiges Monitoring wegen möglicher Wechselwirkungen ist essenziell.
Grundlage
Umweltanpassung & Stressreduktion
Sensorische Anpassungen (Reizreduktion, Rückzugsräume, Strukturierung des Alltags) sind oft genauso wirksam wie Therapie – besonders wenn die Angst primär sensorisch getriggert ist. Ohne Umweltanpassung verpufft jede Therapie.

Was die S3-Leitlinie sagt – und was das für Autismus bedeutet

Die AWMF S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“ (Reg.-Nr. 051-028) empfiehlt KVT mit dem höchsten Empfehlungsgrad A als Erstlinienbehandlung für alle Angststörungen. Als pharmakologische Erstlinienoption bei mittelschweren bis schweren Verläufen werden SSRIs (Sertralin, Paroxetin, Escitalopram) empfohlen. Diese Leitlinie bezieht sich auf die Allgemeinbevölkerung. Für autistische Menschen gilt: Die Empfehlungen sind grundsätzlich übertragbar, aber die Umsetzung erfordert erhebliche Anpassungen durch Fachleute, die Autismus kennen.

Aktuelle Forschung: KVT-Studie der Humboldt-Universität Berlin

An der Hochschulambulanz der Humboldt-Universität zu Berlin läuft derzeit ein randomisiert-kontrolliertes KVT-Programm speziell für autistische Erwachsene (DRKS00027914, 2024). Das manualisierte Kurzzeit-Programm umfasst 12 Doppelsitzungen und adressiert Psychoedukation, Selbstwert, Stressmanagement und sozio-emotionale Kompetenzen. Dies ist eine der ersten kontrollierten Studien zu KVT für Autismus im Einzelsetting – ein wichtiger Schritt für die Evidenzbasis.

⚠️ Achtung: Expositionstherapie bei Autismus

Standard-Expositionsübungen, die bei neurotypischen Sozialphobie-Patienten funktionieren, sind bei Autismus kontraindiziert, wenn die Vermeidung auf autistischer Reizüberflutung basiert – und nicht auf irrationaler Angst. Das Erzwingen sozialer Situationen ohne sensorische Anpassung kann retraumatisieren. Vor jeder Exposition muss geklärt werden, was wirklich hinter der Vermeidung steckt.

Was eine gute Therapie für autistische Menschen mit Angststörungen ausmacht

  • Autismuskenntnis der Therapeutin oder des Therapeuten – ohne dieses Grundwissen scheitern die meisten Ansätze
  • Konkrete, schriftliche Struktur statt offener Gesprächstherapie
  • Visualisierungen, Tabellen, Protokolle statt abstrakter Introspektion
  • Einbeziehung von Sonderinteressen als Motivations- und Erklärungsbrücke
  • Sensorische Anpassungen im Therapieraum (ruhige Umgebung, keine Überraschungen)
  • Elterneinbezug bei Kindern – nicht als Co-Therapeuten, sondern als Brücke
  • Klarer Unterschied zwischen sensorischer Vermeidung und Angstvermeidung
  • Regelmäßiges Monitoring bei Medikation (engmaschiger als bei neurotypischen Patienten)

Weiterführende Artikel auf autismus-ratgeber.de

Anlaufstellen & Hilfsangebote

Bei Angststörungen im Autismus-Spektrum sind spezialisierte Anlaufstellen wichtig – generische Angst-Beratung ohne Autismus-Kenntnisse hilft oft nicht weiter.

Deutsche Angst-Hilfe e.V.
Hat einen eigenen Artikel zu Angst und Autismus (März 2026). Beratungsangebote für Betroffene und Angehörige. Bundesweites Netzwerk.
Zum Artikel ↗
autismus Deutschland e.V.
Bundesverband mit ~55 Regionalverbänden. Kartensuche für Therapiezentren, Wohnstätten und Beratungsstellen in der Nähe. Rechtsratgeber inklusive.
autismus.de ↗
ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.
250.000+ Besucher/Monat, 5.100+ geprüfte Fachkräfte im Adressverzeichnis, digitale Selbsthilfegruppe (bundesweit), Beratungsstelle Bad Vilbel.
adhs-autismus-adressen.de ↗
Regionale Anlaufstellen (autismus-ratgeber.de)
Unsere eigene Datenbank mit Therapieangeboten, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen nach Bundesland und PLZ – speziell für das Autismus-Spektrum.
Anlaufstellen finden →
🆘 Wenn es jetzt dringend ist

Wenn du dich in einer akuten Krise befindest: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7) oder 0800 111 0 222. Beide Nummern sind anonym und kostenfrei. Mehr Notfallkontakte und einen persönlichen Krisenplan findest du unter autismus-ratgeber.de/krisenplan-autismus/.

Häufige Fragen zu Angststörungen bei Autismus

Kann jede Angst bei Autismus behandelt werden? +
Ja – aber nicht jede Angst sollte auf dieselbe Weise behandelt werden. Angst, die primär aus sensorischer Überreizung entsteht, wird am besten durch Umweltanpassung und Stressreduktion angegangen. Klinische Angststörungen (GAD, soziale Phobie, PTBS) erfordern autismusspezifisch angepasste Psychotherapie, ggf. ergänzt durch Medikation. Eine gute Diagnostik ist der erste Schritt – sie unterscheidet, welche Art von Angst vorliegt.
Ist soziale Angst das Gleiche wie soziale Schwierigkeiten bei Autismus? +
Nein – das ist ein wichtiger Unterschied. Autistische Menschen haben strukturelle Unterschiede in der sozialen Verarbeitung: soziale Situationen sind kognitiv anspruchsvoller, weil nonverbale Signale nicht automatisch verarbeitet werden. Das ist keine Angststörung. Eine soziale Angststörung liegt vor, wenn zusätzlich eine irrationale Angst vor Bewertung, Ablehnung oder Blamage besteht, die unabhängig von diesen kognitiven Schwierigkeiten auftritt. Beide können gleichzeitig vorhanden sein – und werden dann separat behandelt.
Warum funktioniert klassische Expositionstherapie bei Autismus oft nicht? +
Weil sie auf einer falschen Annahme basiert: dass die Vermeidung einer sozialen Situation auf irrationaler Angst beruht. Wenn ein autistischer Mensch soziale Situationen meidet, weil sie sensorisch überwältigend sind (zu laut, zu hell, zu viele Reize), dann ist das eine rationale Reaktion auf eine reale Belastung – und keine klinische Phobie. Expositionsübungen ohne sensorische Anpassungen können in solchen Fällen retraumatisieren.
Kann Masking Angststörungen verursachen? +
Ja, das ist gut dokumentiert. 70–90 % der autistischen Erwachsenen maskieren ihre autistischen Verhaltensweisen. Das permanente Unterdrücken des eigenen Selbst erzeugt chronischen Stress, der direkt in Angststörungen, autistischen Burnout und Depression münden kann. Zusätzlich erzeugt Masking eine spezifische Angst: die ständige Angst, „entlarvt“ zu werden und die soziale Fassade zu verlieren. Diese Form der Angst kann nur nachlassen, wenn Masking reduziert wird – was wiederum sichere soziale Umgebungen voraussetzt.
Helfen Antidepressiva (SSRI) bei Angststörungen im Autismus-Spektrum? +
SSRIs können helfen – aber die Datenlage für autistische Menschen ist dünner als für die Allgemeinbevölkerung. Laut AWMF S3-Leitlinie sind SSRIs (Sertralin, Paroxetin, Escitalopram) Empfehlung A bei sozialer Phobie in der Allgemeinbevölkerung. Bei Autismus sind weitere Forschungen nötig. Die Kombination aus KVT und Sertralin ist wirksamer als Monotherapie (AIHTA-Übersicht). Wichtig: SSRIs dürfen bei Autismus nur unter engmaschigem Monitoring eingesetzt werden, da atypische Reaktionen häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung.
Ab wann sollte man professionelle Hilfe suchen? +
Wenn Angst den Alltag einschränkt – wenn Situationen systematisch vermieden werden, Schlaf und Lebensqualität leiden, soziale Teilhabe sich weiter reduziert oder wenn die Angst sich ausweitet. Frühzeitige Behandlung verbessert die Prognose erheblich: Unbehandelte Angststörungen werden mit der Entwicklung von Depressionen, Aggressionen und Selbstverletzung bei Autismus in Verbindung gebracht. Als erste Anlaufstelle eignen sich Hausärzte (Überweisung), Kinder- und Jugendpsychiatrien, psychiatrische Institutsambulanzen oder spezialisierte Autismustherapiezentren.
Sind autistische Kinder anders von Angststörungen betroffen als Erwachsene? +
Ja. Bei Kindern dominieren Trennungsangst und spezifische Phobien (häufig sensorisch ausgelöst). Bei Jugendlichen wächst die soziale Angst – besonders wenn sie zunehmend merken, dass sie „anders“ sind. Bei Erwachsenen dominieren generalisierte Angststörung, soziale Phobie und PTBS durch akkumulierte schwierige Lebenserfahrungen. Die DAK-Daten 2025 zeigen: Bei Jugendlichen (15–17 Jahre) sind Angststörungen am häufigsten – 44 von 1.000 in der Allgemeinbevölkerung. Im Autismus-Spektrum liegen diese Zahlen deutlich höher.
📚 Quellen & Belege
  1. Zaboski, B.A. et al. (2018): Anxiety and ASD – Formen und Häufigkeiten. via GTSG Biomarker Workshop 2025
  2. Rumball, F. et al. (2021): PTBS bei Autismus ~45 %. via GTSG (2025)
  3. DAK Gesundheit (2026): Kinder- und Jugendreport 2025 – Angststörungen. Prävalenz 22/1.000 Kinder, 44/1.000 Jugendliche (15–17 J.), +17 % seit 2019.
  4. ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V. (April 2026): Autismus und Angststörung als Komorbidität. 63–97 % psychische Komorbidität, Angst am häufigsten.
  5. Autismus-Spektrum-Portal Schweiz: Angststörungen bei ASS. 40 % mit klinisch erhöhten Angstzuständen.
  6. autismus-kultur.de (2023): Komorbiditäten: Autismus + weitere Diagnosen. Soziale Angststörung 29 % als häufigste Einzel-Komorbidität.
  7. Wikipedia: Masking (Autismus). 70–90 % maskieren.
  8. ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk (2025): Masking und Camouflaging. Masking als Hauptrisikofaktor für Burnout und Angststörungen.
  9. AWMF S3-Leitlinie 051-028: Behandlung von Angststörungen. KVT Empfehlungsgrad A, SSRIs (Sertralin, Paroxetin, Escitalopram) bei sozialer Phobie.
  10. AIHTA (Austrian Institute for Health Technology Assessment): KVT und Pharmakotherapie bei Angststörungen. KVT+Sertralin stärker als Monotherapie.
  11. Domschke, K. (DGPPN 2025 / Springer Medizin März 2026): Therapieresistente Angst. „Wer bei Autismus eine soziale Phobie erkennt, wird mit Expositionsübungen nicht weit kommen.“
  12. DRKS00027914 (2024): Manualisierte KVT-Studie Humboldt-Universität Berlin. 12 Doppelsitzungen, RCT, N=236.
  13. Deutsche Angst-Hilfe e.V. (März 2026): Wenn Angst und Autismus sich begegnen. Kreislauf: Reizüberflutung → Angst → Vermeidung → Isolation.
  14. hkk Krankenkasse (April 2026): Mehr Kinder und Jugendliche mit Autismus. Komorbidität Angststörung 24,6 % (2023-Daten). ASS-Prävalenz 1,0 % (0–24 J., 2024).
  15. Autismusstiftung.de (April 2026): Autismus-Therapie: Methoden und Wirksamkeit. KVT-Anpassungen für Autismus.
  16. GTSG (Sept. 2025): Neurobiologische Überlappungen ADHS, Autismus, Angststörungen.