Sensorische Überreaktivität hängt mit Autismus und Angst zusammen – aber nicht eigenständig mit ADHS

Sensorische Überreaktivität: Autismus & Angst-Studie
Sensorik & Reizverarbeitung
JAACAP · August 2026
WashU Medicine, St. Louis 15.728 Kinder Peer-reviewed

Sensorische Überreaktivität hängt mit Autismus und Angst zusammen – nicht eigenständig mit ADHS

Eine Analyse von 15.728 Kindern der Washington University School of Medicine in St. Louis findet einen eigenständigen Zusammenhang mit Autismus-Merkmalen und Angst sowie ein kleines, replizierbares Muster veränderter Hirnkonnektivität.

Das Wichtigste in einem Satz: In einer gepoolten, überwiegend querschnittlichen Analyse von 15.728 Kindern hing sensorische Überreaktivität nach statistischer Berücksichtigung überlappender Merkmale eigenständig mit stärkeren autistischen Merkmalen und Angstsymptomen zusammen – ein eigenständiger Zusammenhang mit ADHS-Symptomen zeigte sich dagegen nicht.

Worum geht es in dieser Studie?

Ein kratzendes Kleideretikett, ein lauter Staubsauger, ein ungewohnter Geruch: Für viele Kinder sind das kleine Nebensächlichkeiten. Für andere lösen genau solche Reize starke Abwehrreaktionen aus – in der Forschung als sensorische Überreaktivität bezeichnet, umgangssprachlich auch sensorische Überempfindlichkeit genannt. Betroffen sind schätzungsweise 15 bis 20 Prozent aller Kinder, und das Phänomen zeigt sich bei ganz unterschiedlichen Diagnosen.

Sensorische Überreaktivität wurde 2013 offiziell in die Diagnosekriterien für Autismus-Spektrum-Störungen aufgenommen. Sie taucht aber ebenso bei Angststörungen, ADHS, Zwangsstörungen und weiteren Diagnosen auf – und auch bei Kindern ganz ohne Diagnose. Diese Überlappung hat es Fachleuten bislang schwer gemacht, klar einzuordnen, was es bedeutet, wenn ein Kind von alltäglichen Sinneseindrücken überwältigt wird.

Wie wurde geforscht?

Das Team um Rebecca Schwarzlose, PhD, Assistenzprofessorin für Psychiatrie an der WashU Medicine, wertete in einer gepoolten, überwiegend querschnittlichen Analyse Daten aus fünf unabhängigen Studien mit insgesamt 15.728 Kindern im Alter von 6 bis 18 Jahren aus – die Daten stammen also größtenteils aus einer einzelnen Erhebung pro Kind, nicht aus einer Verlaufsbeobachtung über Zeit. Die Stichprobe umfasste sowohl autistisch diagnostizierte Kinder als auch Kinder aus der Allgemeinbevölkerung, die keine, eine oder mehrere neurologische bzw. psychiatrische Diagnosen hatten.

Alle Studien erfassten über standardisierte Eltern- beziehungsweise Bezugspersonen-Fragebögen Symptome von Angst, Depression und ADHS sowie eine autismusbezogene Merkmalsskala, die auch die sensorische Reaktivität eines Kindes einschließt. Entscheidend war die statistische Methode: Das Team kontrollierte gezielt dafür, welche Diagnosen wirklich eigenständig mit sensorischer Überreaktivität zusammenhängen – und welche Zusammenhänge nur durch die häufige Überlappung mehrerer Merkmale zustande kamen.

Der zentrale Befund: Autismus und Angst, kein eigenständiger ADHS-Zusammenhang

Nach dieser statistischen Bereinigung verschwanden die meisten Zusammenhänge. Übrig blieb ein wiederkehrendes Muster: Sensorische Überreaktivität war eigenständig mit stärkeren Angstsymptomen und autistischen Merkmalen verbunden. Ein eigenständiger Zusammenhang mit ADHS-Symptomen zeigte sich dagegen nicht – der in Einzelstudien zuvor beobachtete Zusammenhang ließ sich in dieser Analyse nicht unabhängig von den gleichzeitig untersuchten Merkmalen nachweisen. Das bedeutet nicht, dass Kinder mit ADHS keine sensorischen Schwierigkeiten haben, sondern nur, dass sich in dieser Stichprobe kein eigenständiger statistischer Zusammenhang zeigte. Das beschriebene Muster war unabhängig davon, ob die Kinder aus der Allgemeinbevölkerung stammten oder eine Autismus-Diagnose hatten, und zeigte sich über alle Altersgruppen hinweg.

In den Allgemeinbevölkerungsstichproben fand sich zudem ein Zusammenhang zwischen sensorischer Überreaktivität und geringeren Symptomen einer Verhaltensstörung (externalisierendem Problemverhalten). Dieser Nebenbefund zeigte sich jedoch nicht in allen untersuchten Stichproben und sollte daher zurückhaltend interpretiert werden.

Nicht eigenständig bestätigt

Ein eigenständiger, direkter Zusammenhang zwischen sensorischer Überreaktivität und ADHS-Symptomen ließ sich nach statistischer Kontrolle überlappender Merkmale nicht nachweisen.

Eigenständig bestätigt

Ein spezifischer, wiederholbarer Zusammenhang mit Angstsymptomen und autistischen Merkmalen – bei Kindern mit und ohne Autismus-Diagnose.

Was die Analyse der Hirnkonnektivität zeigt

Bei einer Teilstichprobe von 9.197 Kindern lagen zusätzlich Ruhezustands-fMRT-Aufnahmen vor – Gehirnscans, die aufgenommen werden, während das Kind ruhig liegt. Diese Scans erlauben es, die funktionelle Konnektivität zu messen, also wie stark verschiedene Hirnregionen miteinander kommunizieren und ihre Aktivität aufeinander abstimmen.

Die Analyse fand ein kleines, replizierbares Muster veränderter funktioneller Konnektivität zwischen dem sogenannten cingulo-parietalen Netzwerk – das unter anderem an Gedächtnisprozessen beteiligt ist – und den beidseitigen Caudatuskernen, tief liegenden Hirnstrukturen, die daran beteiligt sind, Sinnesreize in Handlungen zu übersetzen. Die Forschenden vermuten, dass eine schwächere Verbindung zwischen diesen Regionen die Einordnung eines Reizes in seinen vertrauten Kontext erschweren könnte. Dieser mögliche Mechanismus wurde durch die Studie jedoch nicht direkt nachgewiesen: Die Ergebnisse belegen keine Ursache-Wirkungs-Beziehung und sind nicht als diagnostischer Gehirnmarker für Einzelpersonen geeignet.

15.728
Kinder, 6–18 Jahre, aus 5 Studien
9.197
Kinder mit fMRT-Gehirnscans
15–20 %
aller Kinder mit sensorischer Überreaktivität

„Diese sensorischen Herausforderungen bedeuten nicht, dass Kinder einfach ‚schwierig‘ sind – sie beruhen auf spezifischen neurologischen Unterschieden. Wir zeigen außerdem: Auch Kinder ohne Autismus können mit der sensorischen Umgebung kämpfen.“

Rebecca Schwarzlose, PhD, WashU Medicine, Senior-Autorin der Studie

„Wenn die Verbindung zwischen diesen Hirnregionen schwach ist, wird die Sinnesinformation möglicherweise nicht mit dem Kontextgefühl des Kindes verknüpft. So könnte ein harmloses Geräusch eine rohe Abwehrreaktion auslösen, statt durch das Gefühl ‚das ist normal und sicher‘ gefiltert zu werden.“

Christina Luo, Erstautorin, damals Masterstudentin im Labor von Rebecca Schwarzlose

Was bedeutet das für den Alltag?

Für Betroffene und Eltern liefert die Studie vor allem eine Einordnung: Sensorische Überreaktivität hängt statistisch eigenständig mit Angst und autistischen Merkmalen zusammen – auch bei Kindern ohne Autismus-Diagnose bestand ein eigenständiger Zusammenhang zwischen sensorischer Überreaktivität und Angstsymptomen. Das kann helfen, sensorische Reaktionen nicht vorschnell als „schwieriges Verhalten“ zu deuten.

Die Studie selbst untersuchte keine Behandlung. Die Autorinnen und Autoren betonen jedoch, dass Unterstützungsangebote und Anpassungen der Umgebung unabhängig von einer Autismus-Diagnose sinnvoll sein können. Aussagen zur Wirksamkeit bestimmter Verfahren wie Ergotherapie lassen sich aus dieser Studie nicht ableiten – dafür braucht es eigene Interventionsstudien. Die Forschungsgruppe untersucht inzwischen, wie früh im Kleinkind- und Säuglingsalter sich sensorische Überreaktivität im Gehirn erstmals nachweisen lässt.

Grenzen der Studie

Was die Studie nicht zeigt

  • Keine Kausalität: Die überwiegend querschnittlich erhobenen Daten zeigen statistische Zusammenhänge, keine zeitliche Abfolge und keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
  • Kein diagnostischer Gehirnmarker: Die gefundenen Konnektivitätsunterschiede sind klein und auf Gruppenebene ermittelt – sie eignen sich nicht, um bei einem einzelnen Kind eine Diagnose zu stellen.
  • Keine Behandlungswirksamkeit untersucht: Zur Wirksamkeit einzelner Unterstützungsangebote wie Ergotherapie trifft die Studie keine Aussage.

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Primärquelle dieser Zusammenfassung:

Luo H, Kim AW, Gurnett CA, Abbacchi AM, Constantino JN, Luby JL, Perino MT, Barch DM, Sylvester CM, Camacho CM, Schwarzlose RF. Specific, replicable behavioral and neural correlates of sensory over-responsivity in childhood. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 13. August 2026. DOI: 10.1016/j.jaac.2026.08.003

Pressemitteilung: Washington University School of Medicine in St. Louis (source.washu.edu)

Hinweis: Diese Zusammenfassung dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Bei Fragen zu sensorischer Überreaktivität im Einzelfall wenden Sie sich bitte an Fachärzte, Autismus-Ambulanzen oder Ergotherapeuten.
Häufige Fragen

Sensorische Überreaktivität – kurz erklärt

Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Studie und zu sensorischer Überreaktivität im Alltag.

Was bedeutet sensorische Überreaktivität?

Sensorische Überreaktivität, im Englischen Sensory Over-Responsivity, umgangssprachlich auch sensorische Überempfindlichkeit genannt, bezeichnet starke Abwehrreaktionen auf eigentlich harmlose Sinnesreize – etwa ein kratzendes Kleideretikett, ein lautes Staubsaugergeräusch oder einen ungewohnten Geruch. Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent aller Kinder erleben solche Reaktionen.

Ist sensorische Überreaktivität ein sicheres Zeichen für Autismus?

Nein. Sensorische Überreaktivität gehört seit 2013 zu den Diagnosekriterien für Autismus-Spektrum-Störungen, tritt aber auch bei Angststörungen, ADHS, Zwangsstörungen und anderen Diagnosen sowie bei Kindern ganz ohne Diagnose auf. Die WashU-Studie zeigt: Nach statistischer Bereinigung überlappender Merkmale bleibt ein eigenständiger Zusammenhang mit Autismus-Merkmalen und Angst bestehen.

Warum ist die fehlende Verbindung zu ADHS bemerkenswert?

In der klinischen Praxis wurde sensorische Überreaktivität wegen häufig gemeinsamen Auftretens auch mit ADHS in Verbindung gebracht. In dieser Analyse ließ sich der zuvor beobachtete Zusammenhang mit ADHS-Symptomen jedoch nicht unabhängig von den gleichzeitig untersuchten Merkmalen wie Angst und autistischen Merkmalen nachweisen. Das heißt nicht, dass Kinder mit ADHS keine sensorischen Schwierigkeiten haben.

Was zeigen die Gehirnscans in der Studie genau?

Bei einer Teilstichprobe von 9.197 Kindern mit Ruhezustands-fMRT fanden die Forschenden ein kleines, replizierbares Muster veränderter funktioneller Konnektivität zwischen dem cingulo-parietalen Netzwerk und den beidseitigen Caudatuskernen. Ein möglicher Zusammenhang mit der Einordnung von Sinnesreizen wird vermutet, ist aber nicht bewiesen. Die Befunde eignen sich nicht als diagnostischer Gehirnmarker für Einzelpersonen.

Bedeutet die Studie, dass Ergotherapie bei sensorischer Überreaktivität hilft?

Die Studie selbst untersuchte keine Behandlung. Die Autorinnen und Autoren betonen jedoch, dass Unterstützungsangebote und Anpassungen der Umgebung unabhängig von einer Autismus-Diagnose sinnvoll sein können. Aussagen zur Wirksamkeit bestimmter Verfahren wie Ergotherapie lassen sich aus dieser Studie nicht ableiten, dafür braucht es eigene Interventionsstudien.

Wo finde ich die Originalstudie?

Die Studie ist am 13. August 2026 im Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry erschienen. Eine allgemeinverständliche Zusammenfassung hat die Washington University School of Medicine in St. Louis veröffentlicht.

Originalstudie · DOI Pressemitteilung · WashU Medicine