Autismus und Angst

Studien-Radar

Autismus Angststörungen: Was die Forschung 2025 zeigt

Aktuelle Studien über Angst im Autismus-Spektrum – verständlich erklärt

autismus-ratgeber.de  ·  Stand: 2025  ·  Quellen: JADD, Frontiers in Psychology, JCPP Advances

Autismus Angststörungen gehören zu den am häufigsten übersehenen Problemen im Spektrum: Angst ist bei autistischen Menschen nicht die Ausnahme, sondern Alltag. 40 bis 50 Prozent erfüllen die Kriterien einer klinischen Angststörung – und 86 Prozent berichten von täglichen Angsterfahrungen. Aktuelle Studien zeigen außerdem: Autismus und Angst verlaufen oft anders als erwartet, werden häufig zu spät erkannt und erfordern eigene Diagnose- und Therapieansätze. Dieser Studien-Radar fasst den Forschungsstand 2025 verständlich zusammen.

40–50 % autistischer Menschen erfüllen Kriterien einer Angststörung
86 % autistischer Erwachsener berichten täglich von Angst
≥ 40 % höheres Angstrisiko gegenüber nicht-autistischen Menschen
2025 Systematischer Review im JADD (Da Silva et al.)
Studie 1  ·  JADD, Dezember 2025

Autismus Angststörungen: Wie Betroffene Angst wirklich erleben

Die Studie auf einen Blick

Ein Forschungsteam der Queen’s University Belfast (Da Silva, Berry, Craig & Doumas) hat 2025 im Journal of Autism and Developmental Disorders erstmals systematisch untersucht, wie autistische Erwachsene Angst aus der eigenen Perspektive erleben. Grundlage waren elf qualitative Studien, in denen Betroffene in Interviews und Befragungen direkt zu Wort kamen.

Was die Forschung zeigt

  • Angst bei Autismus folgt oft einem Kreislauf: Belastende Situationen lösen Angst aus, die zu Rückzug oder Masking führt – was neue Angstquellen schafft.
  • Betroffene beschreiben körperliche Angstsymptome (Herzrasen, Übelkeit, innere Unruhe), ohne diese immer mit emotionalen Gedanken zu verbinden – eine Besonderheit, die Standarddiagnosen erschwert.
  • Soziale Interaktionen und unvorhersehbare Ereignisse sind die meistgenannten Auslöser – verbunden mit dem Gefühl, die Welt „falsch zu lesen“.
  • Viele entwickeln eigene Bewältigungsstrategien (Rückzug, Routinen, Stimming) – die kurzfristig helfen, aber langfristig den Angstkreislauf aufrechterhalten können.

Was das für Betroffene und Angehörige bedeutet

Angst kann bei Autismus anders aussehen als erwartet.

Wer keine Panikattacken zeigt, leidet trotzdem möglicherweise stark unter Angst. Körperliche Symptome, sozialer Rückzug oder starres Festhalten an Routinen können Ausdruck von Angst sein – und sollten als solche ernst genommen werden.


Studie 2  ·  Frontiers in Psychology, Oktober 2025

Autismus Angststörungen auch ohne Diagnose: Meta-Analyse zu autistischen Zügen

Die Studie auf einen Blick

Torices Callejo, Herrero und Pérez Nieto (Universidad Camilo José Cela, Madrid) veröffentlichten 2025 in Frontiers in Psychology eine Meta-Analyse zu Angst und autistischen Merkmalen bei Erwachsenen. Ausgewertet wurden Studien aus vier Datenbanken aus dem Zeitraum 2013–2023.

Was die Forschung zeigt

  • Es besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen autistischen Persönlichkeitszügen und Angstsymptomen – auch unterhalb der klinischen Diagnoseschwelle.
  • Menschen mit einem breiteren Autismus-Phänotyp (subklinische Merkmale ohne formale Diagnose) haben ein erhöhtes Angstrisiko, erhalten aber seltener Unterstützung.
  • Unsicherheitsintoleranz und emotionale Dysregulation werden als zentrale Verbindungsmechanismen identifiziert.
  • Manche Fachleute diskutieren, ob Angst nicht als Teil des autistischen Erlebens zu verstehen ist – und nicht nur als Komorbidität.

Was das für Betroffene und Angehörige bedeutet

Angst muss nicht erst zur Störung werden, um behandlungsbedürftig zu sein.

Wer autistische Züge trägt – mit oder ohne Diagnose – sollte bei anhaltenden Angstsymptomen fachliche Unterstützung suchen. Unsicherheitstoleranz lässt sich trainieren; gezielte Therapie kann helfen, auch wenn keine formale Diagnose vorliegt.


Studie 3  ·  JCPP Advances, März 2025

Autismus, Angststörungen und ADHS: Wenn mehrere Diagnosen zusammentreffen

Die Studie auf einen Blick

Eine bevölkerungsbasierte Studie aus JCPP Advances (2025) untersuchte das Auftreten von Angst und Depression bei jungen Erwachsenen mit Autismus, ADHS und beidem (AuDHD). Die Daten stammen aus einer Gemeinschaftsstichprobe und erlauben einen direkten Gruppenvergleich.

Was die Forschung zeigt

  • Autistische junge Erwachsene zeigen signifikant höhere Raten von Angst und Depression als Gleichaltrige ohne Diagnose.
  • Bei AuDHD (Autismus + ADHS gleichzeitig) ist das Risiko für psychische Belastung nochmals erhöht.
  • Angst und Depression treten häufig gemeinsam auf – was die Diagnostik erschwert und eigene Therapieansätze erfordert.
  • Studierende mit Autismus sind besonders betroffen: Hochschulumgebungen mit sozialer Anforderung, Unsicherheit und wenig Struktur erhöhen das Angstrisiko deutlich.

Was das für Betroffene und Angehörige bedeutet

Angst und Depression treten bei Autismus selten allein auf.

Wer eines erlebt, sollte auch auf das andere geachtet werden. Das gilt besonders für junge Erwachsene in Übergangsphasen (Schule → Studium → Beruf). Hier braucht es niedrigschwellige Anlaufstellen, die beide Themen im Blick haben.


Warum Autismus Angststörungen oft anders verlaufen

Die Forschung zeigt übereinstimmend: Angst bei autistischen Menschen lässt sich nicht einfach mit Standardkriterien messen. Drei Besonderheiten fallen immer wieder auf:

  • Atypische Symptome: Körperliche Beschwerden ohne kognitive Angstgedanken, Reizbarkeit statt Panik, sozialer Rückzug statt sichtbarer Nervosität.
  • Überlappung mit Autismus-Kernmerkmalen: Sensorische Überempfindlichkeit, Routinebedürfnis und soziale Erschöpfung können Angst auslösen oder verstärken – sind aber eigene autistische Erfahrungen.
  • Diagnostische Lücken: Viele Standardfragebögen erfassen Angst bei Autismus ungenau. Fachärztliche Diagnostik, die autistische Kommunikationsstile berücksichtigt, ist selten – aber entscheidend.

Offene Fragen: Was bei Autismus Angststörungen noch geforscht wird

Trotz wachsender Datenlage gibt es offene Fragen:

  • Welche Therapieformen wirken speziell bei autistischen Menschen mit Angststörung am besten?
  • Wie sollten diagnostische Instrumente angepasst werden, um atypische Angst zuverlässig zu erkennen?
  • Wie unterscheidet sich Angst je nach Geschlecht, Masking-Verhalten und Diagnosezeitpunkt?

Das ASD & Angst-Projekt der Uniklinik Dresden erarbeitet aktuell verbesserte Frühdiagnostik für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Autismus und Angst.

Studienquellen

  1. Da Silva, A.B., Berry, E., Craig, S. & Doumas, M. (2025). A Systematic Review of Autistic Adults‘ Experiences of Anxiety From a Qualitative Perspective. Journal of Autism and Developmental Disorders. doi.org/10.1007/s10803-025-07025-1
  2. Torices Callejo, L., Herrero, L. & Pérez Nieto, M.A. (2025). Anxiety and autistic traits in adults: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychology, 16. doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1680267
  3. Capp, G. et al. (2025). Depression and anxiety are increased in autism and ADHD. JCPP Advances. doi.org/10.1002/jcv2.70003
  4. Zaboski, B.A. et al. (2018). Prevalence of anxiety disorders in autism spectrum disorder. Zitiert in: GTSG Biomarker Workshop 2025.
  5. Uniklinik Dresden – ASD & Angst-Projekt. uniklinikum-dresden.de