Autismus Frühdiagnose

Früherkennung JAMA · 2023/2024 FDA-zugelassen

Eye-Tracking Autismus Früherkennung – was die Studien wirklich zeigen

Ein Kamerasystem, das 120 Mal pro Sekunde misst, wohin ein Kleinkind blickt – und daraus Hinweise auf Autismus ableitet. Klingt nach Zukunftsmusik, ist in den USA bereits FDA-zugelassen. Wir ordnen ein, was die größten Studien tatsächlich belegen und wo die Methode an ihre Grenzen stößt.

Das Wichtigste in einem Satz: In der bislang größten Studie (475 Kinder, JAMA 2023) erkannte ein Eye-Tracking-System Autismus bei Kindern zwischen 16 und 30 Monaten mit 78 Prozent Sensitivität und 85 Prozent Spezifität – eine objektive Ergänzung zur klinischen Diagnostik, aber kein Ersatz dafür.

Wie funktioniert Eye-Tracking als Diagnose-Werkzeug?

Die Idee dahinter ist denkbar einfach, ihre technische Umsetzung dagegen hochpräzise: Ein Kind sitzt vor einem Bildschirm und schaut sich kurze Videos an – Menschen, die miteinander sprechen, spielen oder sich bewegen. Eine Infrarotkamera registriert dabei, wohin die Augen des Kindes wandern, und zwar 120 Mal pro Sekunde. Aus diesen Daten entsteht ein detailliertes Bewegungsprofil des Blicks: Wie lange schaut das Kind auf Gesichter? Auf Augen im Vergleich zum Mund? Auf Objekte statt auf Personen?

Bei autistischen Kindern zeigen sich in mehreren Studien charakteristische Unterschiede in diesem Blickmuster – etwa eine geringere Aufmerksamkeit für soziale Reize oder eine stärkere Vorliebe für geometrische Muster. Ein Algorithmus vergleicht das gemessene Verhalten mit Referenzwerten aus großen Studienkohorten und gibt eine quantitative Einschätzung aus, die geschulte Fachkräfte bei der Diagnose unterstützen soll.

Die bislang größte Studie: 475 Kinder, sechs Zentren

Im September 2023 veröffentlichte das renommierte Fachjournal JAMA gleich zwei zusammengehörige Studien zum System EarliPoint Evaluation der Marcus Autism Center / EarliTec Dx-Forschungsgruppe um Warren Jones und Cheryl Klaiman. Es handelt sich um die methodisch bislang anspruchsvollste Untersuchung in diesem Forschungsfeld: prospektiv, doppelblind, an sechs US-amerikanischen Spezialkliniken durchgeführt.

475 Kinder, 16–30 Monate
78,0% Sensitivität (Kinder mit ASS)
85,4% Spezifität (Kinder mit ASS)
0,90 AUC-Wert (ROC-Kurve)

Wichtig für das richtige Verständnis dieser Zahlen: Sensitivität beschreibt, wie zuverlässig das System tatsächlich vorhandenen Autismus erkennt – 78 Prozent bedeuten, dass es bei etwa 22 von 100 autistischen Kindern keinen Hinweis liefert. Spezifität beschreibt umgekehrt, wie zuverlässig das System bei nicht-autistischen Kindern korrekt „kein Autismus“ anzeigt – hier lag die Trefferquote bei 85,4 Prozent. Betrachtet man die gesamte untersuchte Gruppe statt nur die später diagnostizierten Kinder, fielen beide Werte mit 71,0 Prozent Sensitivität und 80,7 Prozent Spezifität etwas niedriger aus.

Auf Basis dieser Daten erteilte die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA dem System eine Genehmigung als unterstützendes Diagnose-Hilfsmittel für Kinder zwischen 16 und 30 Monaten – zuerst 2022, im Juni 2023 erweitert auf die zweite Geräte-Generation. Die Zulassung gilt ausdrücklich als Werkzeug für geschulte Fachkräfte, nicht als eigenständiges Diagnoseinstrument für Laien.

Der spannendste Ansatz: Eye-Tracking beim Kinderarzt

Eine zweite, 2024 in JAMA Network Open veröffentlichte Studie unter Leitung von Brandon Keehn ging einen Schritt weiter und prüfte, ob sich Eye-Tracking auch direkt in der allgemeinen Kinderarztpraxis einsetzen lässt – also genau dort, wo die meisten Familien zuerst Hilfe suchen und wo lange Wartezeiten auf spezialisierte Diagnostik besonders belastend sind.

Untersucht wurden 146 Kinder im Alter von 14 bis 48 Monaten. Allein betrachtet erreichte der Eye-Tracking-Biomarker 78 Prozent Sensitivität und 77 Prozent Spezifität. Der eigentlich bemerkenswerte Befund zeigte sich jedoch erst in der Kombination: Wurden die objektiven Eye-Tracking-Daten mit der klinischen Einschätzung der Kinderärztinnen und Kinderärzte zusammengeführt, stiegen Sensitivität auf 91 Prozent und Spezifität auf 87 Prozent. Das deutet darauf hin, dass der größte Nutzen der Technologie möglicherweise nicht im Ersetzen, sondern im Ergänzen ärztlicher Einschätzung liegt.

Der GeoPref-Test: Ein anderer Ansatz für einen Subtyp

Eine dritte wichtige Forschungslinie stammt von Karen Pierce und ihrem Team an der University of California San Diego. Ihr sogenannter GeoPref-Test misst nicht die Aufmerksamkeit für soziale Reize allgemein, sondern speziell die Vorliebe für geometrische Muster gegenüber Videos von spielenden Kindern. Die bislang größte Validierungsstudie dazu erschien 2022 in Scientific Reports.

GeoPref-Test · Subtyp-Biomarker

Hohe Spezifität, niedrige Sensitivität – bewusst so designt

Wen, Cheng, Pierce et al. · Scientific Reports 2022

  • Bei einer Fixationsschwelle von 69 % auf geometrische Muster: 98 % Spezifität, aber nur 17 % Sensitivität
  • Positiver Vorhersagewert 81 %, negativer Vorhersagewert 65 %
  • Nur rund 2 % falsch-positive Ergebnisse
  • Erkennt zuverlässig einen spezifischen Autismus-Subtyp bereits vor dem 2. Geburtstag
  • Kein allgemeines Screening-Tool – die niedrige Sensitivität bedeutet, dass die meisten autistischen Kinder mit diesem Test nicht erkannt werden

Dieses Ergebnis ist ein gutes Beispiel dafür, warum man bei Eye-Tracking-Studien genau hinschauen muss: Der GeoPref-Test ist nicht „schlechter“ als die anderen Verfahren, sondern verfolgt bewusst eine andere Strategie. Er ist darauf optimiert, so gut wie nie ein falsches Alarmsignal zu geben (hohe Spezifität), nimmt dafür aber in Kauf, viele tatsächlich autistische Kinder zu übersehen (niedrige Sensitivität). Für die Forschung an einem bestimmten ASS-Subtyp ist das sinnvoll – als allgemeines Frühscreening eignet er sich damit ausdrücklich nicht.

Was bedeutet das für Familien?

✓ Was die Technologie heute leisten kann

  • Objektive, standardisierte Messung ohne subjektive Verzerrung durch Untersucher
  • Ergebnis innerhalb weniger Minuten verfügbar
  • Kann Wartezeiten auf erste Einschätzung verkürzen
  • Besonders wertvoll als Ergänzung zur ärztlichen Beurteilung, nicht als Ersatz
  • FDA-zugelassen für den klinischen Einsatz in den USA (16–30 Monate)

⚠ Wo die Grenzen liegen

  • Sensitivität von 71–78 % bedeutet: bis zu knapp 30 % der autistischen Kinder werden nicht erkannt
  • Bislang primär in US-Spezialkliniken untersucht, nicht in Deutschland etabliert
  • Studienkohorten stammen überwiegend aus Klinikpopulationen, nicht aus der Allgemeinbevölkerung
  • Ersetzt keine ausführliche entwicklungspsychologische Diagnostik
  • Langzeitdaten zur Verlässlichkeit über verschiedene Altersgruppen und Kulturen hinweg sind noch begrenzt
Einordnung für Eltern:

Sollte einem Kind in den USA eine Eye-Tracking-Untersuchung angeboten werden, ist das ein sinnvoller zusätzlicher Baustein – kein Grund zur Sorge, wenn das Ergebnis unauffällig ausfällt, aber Symptome im Alltag dennoch auffallen. Auch umgekehrt gilt: Ein auffälliges Eye-Tracking-Ergebnis ist kein Diagnoseersatz, sondern ein Hinweis, der eine vollständige fachärztliche Abklärung nach sich ziehen sollte.

In Deutschland spielt Eye-Tracking in der Routinediagnostik bislang kaum eine Rolle. Maßgeblich bleibt hierzulande die multiaxiale, interdisziplinäre Diagnostik nach den Leitlinien der Fachgesellschaften – mit Beobachtung, standardisierten Testverfahren wie ADOS-2 und ausführlichen Gesprächen mit den Bezugspersonen.

Quellen & verwendete Primärstudien

  1. Jones W, Klaiman C, Richardson S, et al. „Eye-Tracking-Based Measurement of Social Visual Engagement Compared With Expert Clinical Diagnosis of Autism.“ JAMA. 2023;330(9):854-865. DOI: 10.1001/jama.2023.13295
  2. Jones W, Klaiman C, Richardson S, et al. „Development and Replication of Objective Measurements of Social Visual Engagement to Aid in Early Diagnosis and Assessment of Autism.“ JAMA Network Open. 2023;6(9):e2330145. DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2023.30145
  3. Keehn B, et al. „Eye-Tracking Biomarkers and Autism Diagnosis in Primary Care.“ JAMA Network Open. 2024;7(5):e2411190.
  4. Wen TH, Cheng A, Andreason C, et al. „Large scale validation of an early-age eye-tracking biomarker of an autism spectrum disorder subtype.“ Scientific Reports. 2022;12(1):4253.
  5. U.S. Food and Drug Administration. EarliPoint Evaluation 510(k)-Zulassung, Juni 2023.

Häufige Fragen zu Eye-Tracking & Autismus-Früherkennung

Ein spezielles Kamerasystem misst, wohin ein Kind beim Betrachten von Videos blickt – bis zu 120 Mal pro Sekunde. Bei Kindern mit Autismus zeigen sich charakteristische Unterschiede in der Aufmerksamkeit für Gesichter, Augen, Mund und soziale Reize im Vergleich zu nicht-autistischen Kindern. Ein Algorithmus vergleicht das gemessene Blickmuster mit Referenzwerten und unterstützt so die klinische Einschätzung.

In der bislang größten Studie (Jones et al., JAMA 2023, 475 Kinder) erreichte das System bei Kindern mit Autismus-Diagnose eine Sensitivität von 78,0 Prozent und eine Spezifität von 85,4 Prozent. Das bedeutet: Es erkennt zuverlässig, wenn kein Autismus vorliegt, übersieht aber in etwa 22 von 100 Fällen eine tatsächlich vorhandene Autismus-Diagnose. Die Genauigkeit ist damit hoch, aber kein Ersatz für eine vollständige klinische Untersuchung.

In den USA hat die FDA das System EarliPoint Evaluation für Kinder zwischen 16 und 30 Monaten als unterstützendes Diagnosewerkzeug zugelassen (erste Zulassung 2022, erweiterte Zulassung für die zweite Geräte-Generation im Juni 2023). Die Zulassung gilt ausdrücklich als Hilfsmittel für geschulte Fachkräfte – nicht als eigenständiges Diagnoseinstrument. In Deutschland und der EU ist eine vergleichbare Zulassung und klinische Verbreitung bislang nicht etabliert.

Nein. Auch die besten bisherigen Studien zeigen Fehlerraten von 15 bis 30 Prozent je nach Maßzahl. Eye-Tracking wird in der Forschung und in ersten US-Kliniken als ergänzendes, objektives Werkzeug eingesetzt, das die Einschätzung von Fachleuten unterstützt – etwa um Wartezeiten zu verkürzen oder eine erste Einschätzung in der Primärversorgung zu ermöglichen. Die ausführliche klinische Diagnostik durch geschulte Fachkräfte bleibt der Goldstandard.

Die größten Studien untersuchten Kinder zwischen 16 und 30 Monaten beziehungsweise 14 und 48 Monaten. Ein verwandter Test (GeoPref-Test) kann bei einer Untergruppe von Kindern bereits Hinweise vor dem zweiten Geburtstag liefern, erkennt allerdings nur einen spezifischen Autismus-Subtyp und eignet sich nicht als allgemeines Screening.

Stand: Juni 2026 · Alle Angaben nach bestem Wissen recherchiert und gegen Primärquellen geprüft.