Wird Autismus wirklich häufiger? Studie mit 62.000 Kindern stellt einfache Erklärungen infrage
Ein Forschungsteam hat in Südkorea zwölf Geburtsjahrgänge mit derselben Methode untersucht. Das Ergebnis hilft zu verstehen, warum Diagnosezahlen steigen, und warum das nicht dasselbe ist wie ein Anstieg von Autismus.
Auf einen Blick
- Untersucht wurden 62.081 Kinder der Geburtsjahrgänge 1998 bis 2010 in der Stadt Goyang in Südkorea, jeweils beim Schuleintritt mit etwa sieben Jahren.
- Die Kinder wurden nach einem einheitlichen populationsbasierten Verfahren gescreent; insgesamt nahmen durchschnittlich 85 Prozent der infrage kommenden Kinder teil.
- Der Anteil autistischer Kinder lag je nach Jahrgang zwischen 1,9 und 3,4 Prozent und zeigte keinen statistisch signifikanten Anstieg.
- Das Muster spricht dafür, dass bessere Erkennung einen wichtigen Anteil an steigenden Diagnosezahlen haben kann; einen Anstieg der tatsächlichen Autismus-Häufigkeit zeigte diese Population nicht.
- Die Studie stammt aus einer einzigen Stadt. Für andere Länder und für ältere Jugendliche und Erwachsene ist sie kein Beweis.
Warum die Frage so umstritten ist
Kaum eine Zahl rund um Autismus wird so oft zitiert wie der Anstieg der Diagnosen. In den USA wird Autismus laut dem Überwachungsnetzwerk der Gesundheitsbehörde CDC inzwischen bei etwa einem von 31 Kindern im Alter von acht Jahren festgestellt (Shaw et al., MMWR, 2025). Vor wenigen Jahrzehnten galt Autismus noch als selten. In der öffentlichen Debatte wird daraus immer wieder eine angebliche Autismus-Epidemie abgeleitet, oft verbunden mit Spekulationen über Ursachen.
Die Forschung unterscheidet hier sehr genau. Steigende Diagnosezahlen können zwei ganz unterschiedliche Gründe haben: Entweder gibt es tatsächlich mehr autistische Kinder, oder Autismus wird heute häufiger erkannt, weil Fachleute besser geschult sind, die Diagnosekriterien breiter gefasst wurden und mehr Familien eine Abklärung suchen. Welcher Anteil auf welche Erklärung entfällt, lässt sich aus Diagnosestatistiken allein nicht ablesen.
Diagnosezahlen
Zählen, wer im Gesundheits- oder Schulsystem eine Diagnose erhalten hat. Sie hängen von Bekanntheit, Diagnosekriterien, Wartezeiten und Zugang zu Fachleuten ab.
Systematische Untersuchung
Alle Kinder einer Region werden mit derselben Methode gescreent, auch jene, bei denen noch niemand Autismus vermutet hat. So lässt sich die Häufigkeit über Jahre vergleichen.
So wurde die Studie durchgeführt
Das Forschungsteam um Young Shin Kim von der Dell Medical School der University of Texas at Austin untersuchte in Goyang, einer Stadt nahe Seoul, von 2005 bis 2017 jedes Jahr die Kinder, die neu eingeschult wurden. Nur das Jahr 2011 fehlt. Die Kinder waren beim Screening etwa sieben Jahre alt und stammten aus zwölf aufeinanderfolgenden Geburtsjahrgängen von 1998 bis 2010. Die Ergebnisse erschienen am 14. September 2026 in der Fachzeitschrift JAMA Pediatrics.
Das Vorgehen hatte zwei Stufen. Zunächst erfolgte das Screening mit dem Autism Spectrum Screening Questionnaire (ASSQ), einem Fragebogen mit 27 Aussagen. Kinder mit auffälligem Ergebnis beziehungsweise weitere nach dem Studiendesign ausgewählte Kinder wurden anschließend zu einer ausführlichen Diagnostik eingeladen. Dabei kamen unter anderem ADOS, ADI-R, kognitive Tests und eine klinische Gesamtbeurteilung nach DSM-5 zum Einsatz. Als Screening-Teilnehmende galten Kinder, deren Eltern den Fragebogen zurückgaben oder die über sonderpädagogische Angebote oder Register erfasst waren. Insgesamt nahmen durchschnittlich 85 Prozent der infrage kommenden Kinder teil.
Kinder beim Schuleintritt gescreent
Balkenlängen nicht maßstabsgetreu. Quelle: Kim et al., JAMA Pediatrics, 2026, nach Angaben von Psychiatric News und CIDRAP.
Die Forschenden berechneten zwei Kennzahlen. Die kumulative Inzidenz bezieht sich auf alle in Goyang geborenen Kinder eines Jahrgangs und gibt an, wie viele bis zum Alter von sieben Jahren als autistisch erkannt wurden. Die Prävalenz bezieht sich auf alle Kinder dieses Alters in der Stadt, unabhängig vom Geburtsort.
Die Ergebnisse
Die Werte schwankten von Jahrgang zu Jahrgang, zeigten aber keinen statistisch signifikanten Trend nach oben oder unten. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Hinweis auf bessere Erkennung und ausdrücklich keinen Beleg für eine Autismus-Epidemie.
Besonders aufschlussreich war die Verschiebung innerhalb der Gesamtgruppe: In den späteren Jahrgängen waren mehr autistische Kinder bereits über medizinische oder schulische Angebote erkannt, während entsprechend weniger erst durch das Forschungsscreening auffielen. Die Gesamthäufigkeit blieb dabei weitgehend stabil. Genau dieses Muster interpretieren die Forschenden als Hinweis darauf, dass bessere Erkennung einen Teil steigender Diagnoseraten erklären kann.
Bemerkenswert ist auch das Niveau: Bereits bei den ältesten Jahrgängen lag der Anteil autistischer Kinder in einer Größenordnung, die heutigen Zahlen aus den USA ähnelt. Das passt zu einer früheren Untersuchung desselben Teams in Goyang, die 2011 bei 55.266 Kindern im Alter von 7 bis 12 Jahren eine Häufigkeit von 2,64 Prozent beschrieben hatte (Kim et al., American Journal of Psychiatry, 2011). Wer systematisch sucht, findet also schon lange mehr autistische Kinder, als in Routinestatistiken auftauchen.
Ein weiterer Befund: Unter den zuvor nicht entsprechend erfassten autistischen Kindern waren Mädchen überproportional vertreten, in mehreren Jahrgängen lag ihr Anteil sogar über dem der Jungen. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass Autismus bei Mädchen häufiger übersehen wird.
Was die Studie zeigt und was nicht: Sie zeigt, dass die Häufigkeit von Autismus bei Siebenjährigen in dieser Stadt über zwölf Jahrgänge stabil war, wenn man sie mit derselben Methode misst. Sie beweist nicht, dass Autismus weltweit nicht häufiger diagnostiziert wird, denn die Diagnosezahlen sind vielerorts tatsächlich gestiegen. Und sie schließt kleine Veränderungen nicht völlig aus: Kein statistisch signifikanter Anstieg bedeutet, dass sich kein Trend sicher nachweisen ließ.
Grenzen der Studie
- Eine einzige Stadt: Die Daten stammen aus Goyang in Südkorea. Diagnosewege, Schulsysteme und Versorgung unterscheiden sich von Land zu Land.
- Schwankende Teilnahme: Insgesamt nahmen 85 Prozent der Kinder am Screening teil, je nach Jahrgang aber zwischen 60 und 93 Prozent. Über die übrigen Kinder ist wenig bekannt, was die Ergebnisse verzerren könnte.
- Nicht alle kamen zur Diagnostik: Von 2.077 zur Diagnostik eingeladenen Kindern nahmen 881 an der ausführlichen Untersuchung teil.
- Nur bis sieben Jahre: Autismus, der sich erst später zeigt oder erkannt wird, etwa in der Pubertät oder im Erwachsenenalter, ist nicht erfasst.
- Geburtsjahrgänge bis 2010: Über später geborene Kinder sagt die Studie nichts aus.
Was bedeutet das für Familien?
Für Eltern ist die wichtigste Botschaft: Dass heute mehr Kinder eine Autismus-Diagnose erhalten, bedeutet nicht automatisch, dass sich in der Umwelt etwas verändert hat, das Autismus auslöst. Es bedeutet vor allem, dass mehr Kinder die Unterstützung bekommen können, die ihnen früher gefehlt hat.
Gleichzeitig zeigt die Studie, wie viele Kinder ohne systematische Suche unerkannt bleiben, besonders Mädchen. Wer bei seinem Kind Hinweise auf Autismus bemerkt, sollte eine Abklärung nicht aufschieben, weil vermeintlich ohnehin zu viel diagnostiziert werde. Informationen zum Ablauf finden Sie in unserem Ratgeber zur Autismus-Diagnose und in unserem Beitrag zur späten Diagnose bei Mädchen.
Häufige Fragen
Wird Autismus wirklich immer häufiger?
Die Zahl der Autismus-Diagnosen ist in vielen Ländern stark gestiegen. Ob auch Autismus selbst häufiger geworden ist, ist eine andere Frage. Eine Studie von Kim und Kollegen (JAMA Pediatrics, 2026) hat in einer südkoreanischen Stadt zwölf Geburtsjahrgänge mit derselben Methode systematisch untersucht und bis zum siebten Lebensjahr keinen statistisch signifikanten Anstieg gefunden. Das unterstützt die Annahme, dass bessere Erkennung wesentlich zu steigenden Diagnosezahlen beitragen kann. Für andere Länder und Altersgruppen beweist die Studie das allein aber nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Diagnosezahlen und tatsächlicher Häufigkeit?
Diagnosezahlen zählen, wie viele Kinder im Gesundheits- oder Schulsystem eine Autismus-Diagnose erhalten haben. Sie hängen davon ab, wie bekannt Autismus ist, wie gut Fachleute ihn erkennen, welche Diagnosekriterien gelten und wie leicht Familien einen Termin bekommen. Die tatsächliche Häufigkeit lässt sich besser abschätzen, wenn eine ganze Population mit einer einheitlichen Methode untersucht wird – also auch Kinder, bei denen zuvor kein Autismus vermutet wurde. Genau diesen populationsbasierten Ansatz verfolgte die Studie.
Wie viele Kinder waren in der Studie autistisch?
Je nach Geburtsjahrgang lag die kumulative Inzidenz bis zum Alter von sieben Jahren zwischen 1,9 und 3,2 Prozent, die Prävalenz im Alter von sieben Jahren zwischen 2,0 und 3,4 Prozent. Im letzten Untersuchungsjahr 2017 betrugen die Werte 2,6 und 2,7 Prozent. Die Schwankungen zwischen den Jahrgängen zeigten keinen statistisch signifikanten Trend nach oben oder unten.
Heißt das, dass es in Deutschland keinen Anstieg gibt?
Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Sie wurde in einer einzigen Stadt in Südkorea durchgeführt, mit Kindern, die zwischen 1998 und 2010 geboren wurden. Diagnosewege, Schulsysteme und Versorgung unterscheiden sich von Land zu Land. Die Studie stützt aber eine Erklärung, die auch für Deutschland plausibel ist: Wenn Autismus bekannter wird und Fachleute ihn besser erkennen, steigen die Diagnosezahlen, auch ohne dass mehr Kinder autistisch sind.
Was zeigte die Studie zu autistischen Mädchen?
Unter den zuvor nicht entsprechend erfassten autistischen Kindern waren Mädchen überproportional vertreten. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass Autismus bei Mädchen häufiger übersehen wird. Andere Forschungsarbeiten diskutieren dafür unter anderem unterschiedliche Erscheinungsformen und stärkere soziale Anpassungsstrategien.
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Quellen
- Kim, Y. S. et al. (2026): Cumulative Incidence and Prevalence of Autism Spectrum Disorder. JAMA Pediatrics, online veröffentlicht am 14.09.2026. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2026.4066.
- Kim, Y. S., Leventhal, B. L., Koh, Y.-J. et al. (2011): Prevalence of Autism Spectrum Disorders in a Total Population Sample. American Journal of Psychiatry, 168(9), 904–912.
- Shaw, K. A. et al. (2025): Prevalence and Early Identification of Autism Spectrum Disorder Among Children Aged 4 and 8 Years – Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network, 16 Sites, United States, 2022. MMWR Surveillance Summaries, 74(2).
- Psychiatric News Alert (17.09.2026): Rising Prevalence of Autism Linked to Detection, Not True Epidemic. American Psychiatric Association.
- CIDRAP, University of Minnesota (September 2026): Study uncovers no evidence of autism epidemic, despite claims.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag fasst eine wissenschaftliche Studie allgemein verständlich zusammen und ersetzt keine ärztliche oder psychologische Diagnostik.
Stand: September 2026 · autismus-ratgeber.de