Wunschdiagnosen bei Autismus

Diagnostik & Gesellschaft
Int J Clin Health Psychol · 2026
Neumann et al. · KL Krems Mixed-Methods-Studie Peer-reviewed

Wunschdiagnosen bei Autismus – was die österreichische Diagnostik-Studie zeigt

93 Klinische Psychologinnen und Psychologen in Österreich berichten: Immer mehr Menschen kommen mit einer festen Diagnosevorstellung ins Erstgespräch. Was die Studie zeigt – und was sie nicht zeigt.

Das Wichtigste in einem Satz: Eine österreichische Diagnostik-Studie zeigt, dass Klinische Psychologinnen und Psychologen heute deutlich häufiger mit Wunschdiagnosen bei Autismus und ADHS konfrontiert sind – die Studie beschreibt damit einen Trend in der Praxis, trifft aber keine Aussage darüber, ob einzelne Diagnosen berechtigt sind oder nicht.

Worum geht es in der Studie?

Immer mehr junge Menschen kommen laut der Studie bereits mit einer klaren Vorstellung zum psychologischen Erstgespräch: „Ich habe ADHS“ oder „Ich bin autistisch“. Ein Forschungsteam der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL) Krems wollte wissen, wie verbreitet dieses Phänomen aus Sicht von Fachleuten tatsächlich ist – und welche Rolle soziale Medien dabei spielen.

Die Studie unterscheidet zwei verwandte, aber unterschiedliche Phänomene: Selbstdiagnosen (Menschen halten sich selbst für autistisch oder ADHS-betroffen, meist gestützt auf Online-Recherche oder Selbsttests) und Wunschdiagnosen (der explizite Wunsch, eine bestimmte Diagnose von einer Fachperson bestätigt zu bekommen).

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Das Team um Matthias Neumann befragte 93 in Österreich zugelassene Klinische Psychologinnen und Psychologen in einer Mixed-Methods-Online-Erhebung mit quantitativen und offenen qualitativen Fragen zu Häufigkeit, Art und Umgang mit Selbst- und Wunschdiagnosen in ihrer Praxis. Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien und dem Universitätsklinikum Tulln und erschien 2026 im International Journal of Clinical and Health Psychology.

73 %
der Psychologinnen und Psychologen erleben Selbstdiagnosen heute häufiger oder deutlich häufiger als früher
88 %
berichten häufig vom Wunsch nach einer ADHS-Diagnose
>66 %
berichten häufig vom Wunsch nach einer Autismus-Spektrum-Diagnose

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Besonders betroffen sind laut den befragten Fachleuten junge Erwachsene, mehrheitlich Frauen mit höherer Bildung und intensiver Social-Media-Nutzung. Die Diagnosen werden dabei oft nicht in erster Linie mit dem Wunsch nach Therapie oder Medikamenten verbunden, sondern mit Identität, Zugehörigkeit zu einer Online-Community und einer gesellschaftlich anerkannten Erklärung für eigene Schwierigkeiten.

Einordnung

Beide Diagnosen haben in den vergangenen Jahren eine erhebliche Entstigmatisierung erfahren und werden unter dem Begriff Neurodiversität diskutiert. In sozialen Medien werden ADHS und Autismus dabei nicht selten als besondere Begabungen oder „Superkräfte“ dargestellt – was einerseits Hemmschwellen senken kann, andererseits aber auch zu verzerrten, vereinfachten Vorstellungen führt.

Diagnose-Shopping und schwierige Rückmeldegespräche

Für die klinische Praxis hat die Entwicklung spürbare Folgen. Viele Befragte berichten, dass Ratsuchende Fragebögen erkennbar auf das gewünschte Ergebnis hin ausfüllen, was ein ergebnisoffenes diagnostisches Gespräch erschwert. Wird die gewünschte Diagnose nicht bestätigt, reagieren manche Patientinnen und Patienten mit großer Enttäuschung – bis hin zu negativen Bewertungen oder dem sogenannten Diagnose-Shopping: der wiederholten Suche nach einer anderen Praxis, bis die gewünschte Diagnose gestellt wird.

Die Studie ordnet dieses Verhalten mit der Selbstverifikationstheorie ein: Wenn eine Diagnose zum Kern des eigenen Selbstbilds geworden ist, wird ihre Ablehnung nicht als fachliche Einschätzung erlebt, sondern als Infragestellung der eigenen Identität.

Wichtige Einordnung: Was die Studie nicht zeigt

Die Studie beschreibt eine subjektive Wahrnehmung von Fachkräften – sie misst nicht, wie viele der beobachteten Wunschdiagnosen sich am Ende bestätigen oder nicht bestätigen, und sie ist keine Aussage über die tatsächliche Prävalenz von Autismus oder ADHS.

Community-Perspektive

Aus der autistischen Community kommt eine berechtigte Warnung: Wird die Debatte um „Wunschdiagnosen“ zu pauschal geführt, droht sie, echte späte Diagnosen zu diskreditieren. Ein erheblicher Teil der spät diagnostizierten Menschen – besonders Frauen und Mädchen – erhält ihre zutreffende Autismus-Diagnose gerade deshalb spät, weil Camouflaging (Masking) die Merkmale über Jahre verdeckt und gängige Diagnoseinstrumente weibliche Ausprägungen von Autismus historisch schlechter erfassen (siehe u. a. Bargiela et al. 2016, Lai et al. 2014, Milner et al. 2023 zum Zusammenhang zwischen Camouflaging und Diagnosealter).

Eine spät diagnostizierte Person ist also nicht automatisch Teil eines „Trends“ – für viele ist die Diagnose im Gegenteil das Ergebnis eines oft jahrzehntelangen, mühsamen Wegs.

Was das für unterschiedliche Gruppen bedeutet

  • Für autistische Erwachsene mit später Diagnose Die Studie ist kein Grund, an der eigenen Diagnose zu zweifeln. Wer über eine reguläre, mehrstufige Diagnostik (z. B. ADOS-2, ADI-R) eine Autismus-Diagnose erhalten hat, hat einen anderen Weg durchlaufen als die in der Studie beschriebenen Fälle unbestätigter Wunschdiagnosen.
  • Für Eltern Wenn ein Kind oder Jugendlicher von sich aus eine Diagnose vermutet, lohnt sich ein offenes Gespräch statt vorschneller Zustimmung oder Ablehnung – und eine reguläre diagnostische Abklärung bei einer spezialisierten Stelle.
  • Für Diagnostikerinnen und Diagnostiker und Fachkräfte Die Autorinnen und Autoren empfehlen, Selbst- und Wunschdiagnosen systematisch in Aus- und Fortbildung aufzugreifen und Kommunikationskompetenzen für schwierige Rückmeldegespräche gezielt zu stärken.
  • Für spät diagnostizierte Frauen Wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem oberflächlichen Social-Media-Trend und einer legitimen, oft lange überfälligen Diagnose, die aufgrund von Masking und diagnostischer Verzerrung erst im Erwachsenenalter gestellt wird.
Studiendetails
Autorinnen und AutorenNeumann, M., Steiner-Hofbauer, V., Aigner, M., Höflich, A., Holzinger, A. & Mittmann, G.
Erscheinungsjahr2026
JournalInternational Journal of Clinical and Health Psychology, 26(1), 100661
InstitutionKarl Landsteiner Privatuniversität (KL) Krems, mit Medizinischer Universität Wien und Universitätsklinikum Tulln
Stichprobe93 in Österreich zugelassene Klinische Psychologinnen und Psychologen
MethodeMixed-Methods-Online-Befragung (quantitativ & qualitativ)
FundstellePressemitteilung KL Krems ↗

Weiterführend:

Quelle: Neumann, M. et al. (2026). Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults. International Journal of Clinical and Health Psychology, 26(1), 100661. Pressemitteilung: KL Krems (Januar 2026).

Dieser Beitrag fasst eine wissenschaftliche Studie allgemeinverständlich zusammen und ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Beratung. Bei Fragen zur eigenen Situation wendet euch an eine spezialisierte diagnostische Stelle.

Häufige Fragen

Was hat die österreichische Studie zu Wunschdiagnosen herausgefunden?

93 befragte Klinische Psychologinnen und Psychologen in Österreich erleben Selbst- und Wunschdiagnosen bei ADHS und Autismus heute deutlich häufiger als noch vor wenigen Jahren. Als wesentlichen Faktor nennt die Studie den Einfluss sozialer Medien wie TikTok.

Bedeutet das, dass zu viele Menschen sich fälschlich für autistisch halten?

Nein, das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Sie beschreibt eine von Fachkräften wahrgenommene Zunahme, macht aber keine Aussage darüber, wie viele Wunschdiagnosen sich am Ende bestätigen oder nicht bestätigen.

Warum ist die Studie besonders für spät diagnostizierte Frauen wichtig?

Weil viele Frauen wegen Masking und diagnostischer Verzerrung erst spät eine zutreffende Autismus-Diagnose erhalten. Das darf nicht mit einem oberflächlichen Social-Media-Trend verwechselt werden.

Masking bei Frauen – mehr erfahren ↗

Was ist Diagnose-Shopping?

Der Begriff beschreibt, wenn Menschen so lange verschiedene Psychologinnen und Psychologen aufsuchen, bis sie die von ihnen gewünschte Diagnose bestätigt bekommen.

Wo wurde die Studie veröffentlicht?

Sie erschien 2026 im International Journal of Clinical and Health Psychology (Neumann et al.), entstanden an der Karl Landsteiner Privatuniversität Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien und dem Universitätsklinikum Tulln.

KL Krems – Pressemitteilung ↗