LRS und Autismus

Komorbiditäten-Serie · Schule & Lernen

Wenn ein autistisches Kind trotz normaler Intelligenz nicht richtig lesen und schreiben lernt, denken Eltern und Lehrkräfte selten an eine zusätzliche Lernstörung. Dabei zeigen Studien: Autistische Kinder haben ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Lese-Rechtschreibstörung, also LRS bei Autismus – eine Komorbidität, die häufiger ist, als viele vermuten, und allzu oft übersehen wird. Umgekehrt wird bei Kindern mit Legasthenie eine zugrunde liegende Autismus-Diagnose häufig erst spät erkannt. Dieser Ratgeber erklärt, was hinter der Komorbidität steckt, wie die Diagnose gelingt und was bei Förderung und Nachteilsausgleich zu beachten ist.

📌 Das Wichtigste auf einen Blick

In der Allgemeinbevölkerung haben 4–8 % aller Kinder eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS). Bei autistischen Kindern liegt die Rate laut einer Studie von 2009 bei ca. 14 % – mehr als dreimal so hoch. Hinzu kommt, dass LRS bei Autismus häufig falsch als Autismus-Symptom interpretiert wird, sodass keine gezielte Förderung erfolgt. Frühzeitige Diagnostik und autismusspezifisch angepasste Lerntherapie sind entscheidend.

LRS, Legasthenie, Dyslexie – was bedeutet was bei Autismus?

Im deutschen Sprachraum kursieren mehrere Begriffe, die oft synonym verwendet werden, sich aber fachlich unterscheiden. Für autistische Kinder und ihre Eltern ist es wichtig, diese Unterschiede zu kennen – denn sie entscheiden über den Anspruch auf Förderung und Nachteilsausgleich.

Begriff Bedeutung Diagnose-Grundlage
Legasthenie Historischer Begriff für eine genetisch bedingte Schwäche im Lesen und Rechtschreiben bei normaler Intelligenz. Neurobiologische Ursachen sind belegt. ICD-10 F81.0/F81.1, ICD-11
Lese-Rechtschreibstörung (LRS) Fachbegriff laut ICD-10: anhaltende, eindeutige Schwächen beim Lesen und/oder Schreiben, die nicht durch Intelligenzminderung, mangelnde Beschulung oder andere Faktoren erklärbar sind. ICD-10 F81.0, F81.1
Lese-Rechtschreib-Schwäche Leistungsschwäche ohne neurologische Ursache – z.B. durch Unterrichtsausfall, falsche Lernmethoden oder schulische Belastungen. Kein Anspruch auf Notenschutz in allen Bundesländern. Pädagogische Einschätzung
Dyslexie Primär im englischsprachigen Raum verwendeter Begriff, in Deutschland oft synonym für Legasthenie genutzt. Betont die Leseschwäche. Fachlicher Kontext
Dyskalkulie Rechenstörung (ICD-10 F81.2): Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten ohne allgemeine Intelligenzminderung. Häufige Komorbidität von LRS – und tritt auch bei Autismus erhöht auf. ICD-10 F81.2
⚠️ Wichtiger Unterschied

Nur die Lese-Rechtschreibstörung (ICD-10 F81.0/F81.1, diagnostiziert durch Kinder- und Jugendpsychiater, Schulpsychologen oder spezialisierte Kinderärzte) begründet in allen Bundesländern einen Anspruch auf Notenschutz und Nachteilsausgleich. Die bloße Lese-Rechtschreib-Schwäche reicht dafür nicht in allen Ländern. Das Bundesverfassungsgericht hat am 22. November 2023 bestätigt: Eine nach ICD diagnostizierte LRS gilt als Behinderung im Sinne von Art. 3 Abs. 3 GG.

Wie häufig treten LRS und Autismus zusammen auf?

Verlässliche, große Studien speziell zu dieser Prävalenz sind noch rar. Die vorhandene Datenlage deutet aber klar auf eine erhöhte Häufigkeit hin:

4–8 %
LRS-Prävalenz (allgemein)
~14 %
LRS-Rate bei autistischen Kindern (Studie 2009)
5–10 %
aller Kinder mit erheblichen Schriftsprach-Schwierigkeiten (Bielefelder Institut)
bis 62 %
der Kinder mit Lernstörungen haben mind. eine weitere neurologische Diagnose (UZH Studie)

Jungen sind in der Allgemeinbevölkerung etwa 2–3-mal häufiger von LRS betroffen als Mädchen. Bei Autismus zeigt sich ein ähnliches Muster bei der Diagnoseverteilung – wobei Mädchen ohnehin häufig später diagnostiziert werden (Masking). Die tatsächliche Rate von LRS bei autistischen Kindern dürfte höher liegen als die 14 %, die die einzige größere Studie bisher dokumentiert hat, da viele Kinder nicht beide Diagnosen erhalten.

📊 Wichtiger Hinweis zur Datenlage

Es gibt bisher sehr wenige kontrollierte Studien zur Komorbiditätsrate von LRS und Autismus. Die 14-%-Zahl stammt aus einer Studie von 2009 und bedarf dringend aktualisierter Forschung. In der Praxis dürfte die Dunkelziffer höher liegen – weil Schreib- und Leseschwierigkeiten bei autistischen Kindern oft dem Autismus zugeschrieben werden, anstatt eine eigenständige LRS-Diagnose zu stellen.

Warum kommen LRS und Autismus so häufig gemeinsam vor?

LRS und Autismus sind zwei eigenständige neurologische Entwicklungsstörungen – sie entstehen unabhängig voneinander, teilen aber gemeinsame neurobiologische Grundlagen, die ihr gemeinsames Auftreten wahrscheinlicher machen.

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Gemeinsame neurobiologische Basis
Sowohl LRS als auch Autismus haben genetisch-neurologische Ursachen. Das Gehirn verarbeitet bei beiden Störungen sprachliche und auditive Informationen anders. Das Arbeitsgedächtnis, die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmungsverarbeitung sind bei LRS strukturell beeinträchtigt – Bereiche, die auch bei Autismus häufig betroffen sind.
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Phonologische Verarbeitung
Die phonologische Bewusstheit – die Fähigkeit, Laute und Lautstrukturen von Sprache zu erkennen und zu manipulieren – ist für den Schriftspracherwerb entscheidend. Viele autistische Kinder haben durch Sprachentwicklungsverzögerungen, Echolalie oder andersartige Sprachverarbeitung eine eingeschränkte phonologische Basis, die das Lesen- und Schreibenlernen erschwert.
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Sprachentwicklung & Literalität
Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen haben ein erhöhtes Risiko, später Legasthenie zu entwickeln. Autismus geht häufig mit atypischer Sprachentwicklung einher – von verzögertem Spracherwerb bis hin zu pragmatischen Sprachschwierigkeiten. Diese Sprachbesonderheiten können den Schriftspracherwerb direkt beeinträchtigen.
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Visuelle & sensorische Verarbeitung
Autistische Kinder verarbeiten visuelle Reize oft anders – mit einem Fokus auf Details statt auf Ganzheit (zentrale Kohärenz). Dieser Verarbeitungsstil kann sowohl eine Stärke als auch eine Herausforderung beim Lesen sein: Einzelne Buchstaben werden erkannt, aber das Wort als Ganzes wird langsamer erfasst.
Exekutivfunktionen
Lesen und Schreiben erfordern komplexe exekutive Fähigkeiten: Planung, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung. Bei Autismus sind Exekutivfunktionen häufig beeinträchtigt – was das Erlernen von Schriftsprache weiter erschwert, unabhängig von einer eigentlichen LRS.
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Genetische Überlappung
Die Heritabilität von LRS ist hoch: Wenn ein Elternteil betroffen ist, steigt das Risiko für das Kind erheblich. Da Autismus ebenfalls stark genetisch bedingt ist und in Familien gehäuft vorkommt, sind genetische Überlappungen zwischen den Risikoprofilen beider Störungen wahrscheinlich – auch wenn die genauen Zusammenhänge noch erforscht werden.

Wie zeigt sich LRS im Schulalltag autistischer Kinder?

Die klassischen LRS-Symptome treten auch bei autistischen Kindern auf – werden aber oft fehlgedeutet. Ein Kind, das sich weigert vorzulesen, tut das möglicherweise nicht aus mangelndem Können, sondern aus sozialer Angst. Ein Kind, das Texte nicht versteht, hat möglicherweise ein Leseproblem – oder eine Schwierigkeit mit pragmatischer Sprache. Diese Überschneidungen machen die Diagnose so anspruchsvoll.

Typische Lese-Symptome

  • Langsames, stockendes Lesen mit vielen Fehlern
  • Buchstaben oder Silben werden ausgelassen, vertauscht oder hinzugefügt (z.B. „Hausi“ statt „Haus“)
  • Schwierigkeiten bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung (Dekodierung)
  • Schlechtes Leseverständnis trotz lautem Vorlesen
  • Wörter werden erraten statt erlesen
  • Rate zeigt keine oder sehr langsame Verbesserung trotz Übung

Typische Schreib-Symptome

  • Massive und andauernde Rechtschreibfehler, die nicht dem Übungsmangel entsprechen
  • Buchstaben werden gespiegelt oder vertauscht (b/d, p/q)
  • Schwierigkeiten mit Groß- und Kleinschreibung, Silbentrennung
  • Stark verlangsamtes Schreiben; Wörter werden anders geschrieben als sie klingen
  • Gleiche Wörter werden im selben Text unterschiedlich geschrieben
  • Probleme mit Rechtschreibregeln, die selbst nach Erklärung nicht angewendet werden

Autismusspezifische Ausprägungen bei LRS

  • Hyperlexie als Gegenpol: Manche autistischen Kinder können technisch gut lesen (Buchstaben dekodieren), verstehen den Text aber kaum. Sie entziffern Wörter, ohne Bedeutung zu konstruieren – das ist keine LRS, sondern eine pragmatisch-sprachliche Besonderheit.
  • Wörtliches Textverständnis: Metaphern, implizite Bedeutungen und zwischen den Zeilen stehende Botschaften werden nicht erfasst – unabhängig von der Lesefähigkeit.
  • Verweigerung des lauten Lesens: Nicht wegen mangelndem Können, sondern wegen sozialer Angst oder Angst vor Fehlern in der Gruppe.
  • Stärken bei strukturierten Texten: Sachtexte mit klarer Gliederung werden oft besser verstanden als erzählende Texte mit sozialen Subtexten.
  • Perfektionismus und Auslöschung: Texte werden immer wieder überschrieben, weil das Ergebnis nie gut genug ist – ein Hinweis auf Perfektionismus, der bei Autismus häufig ist.

Eigenständige LRS oder autismusbedingte Schreibschwierigkeit?

Eine der größten Herausforderungen ist die Unterscheidung zwischen einer eigenständigen Lese-Rechtschreibstörung und Schreib- und Leseschwierigkeiten, die direkte Folge des Autismus sind. Diese Unterscheidung ist therapeutisch entscheidend:

LRS (eigenständige Diagnose)
Lese-Rechtschreibstörung
Betrifft die phonologische Verarbeitung und Laut-Buchstaben-Zuordnung. Kind kann Buchstaben nicht zuverlässig dekodieren. Betrifft alle Fächer, in denen Lesen und Schreiben gefordert werden. Verbessert sich durch gezielte LRS-Förderung. Ist unabhängig von Intelligenz und sozialer Situation vorhanden.
Autismusbedingte Schwierigkeit
Schriftsprachliche Besonderheit
Betrifft pragmatisches Sprachverständnis, Textstruktur oder soziale Inhalte. Kind kann dekodieren, versteht aber den Sinn nicht. Betrifft besonders erzählende Texte, Sozialsprache, Metaphern. Verbessert sich durch Sprachtherapie und autismusspezifische Förderung, nicht durch LRS-Training. Zeigt sich in sozialen Kommunikationskontexten besonders stark.

Beide können gleichzeitig vorhanden sein. Dann braucht ein Kind sowohl autismusspezifische Unterstützung als auch gezielte LRS-Förderung – und eine Diagnostik, die beides erfasst.

⚠️ Typische Fehldiagnose-Falle

Standard-LRS- oder Dyskalkulie-Therapien funktionieren bei autistischen Kindern oft nicht 1:1, weil die autistische Denkweise nicht berücksichtigt wird. Beispiel: Ein Kind versteht die Aufgabenstellung nicht – die Lehrkraft denkt, es hat die Regel nicht verstanden. Dabei liegt das Problem in der Mehrdeutigkeit der Sprache. Oder: Das Kind verweigert das Vorlesen – nicht wegen Unvermögens, sondern wegen sozialer Angst. Eine ganzheitliche Diagnostik ist unverzichtbar.

Wenn noch Dyskalkulie hinzukommt

Rechenstörungen kommen bei dieser Kombination häufig zusammen vor – die S3-Leitlinie Rechenstörung bezeichnet die Komorbidität zwischen LRS und Dyskalkulie ausdrücklich als „gut belegt“. Auch bei autistischen Kindern mit LRS kann Dyskalkulie hinzukommen:

🔢 Dyskalkulie bei Autismus

Studien der Universität Zürich zeigen, dass es Hinweise auf einen engen Zusammenhang zwischen Autismus-Spektrum-Störungen, spezifischen mathematischen Problemen und erhöhter Mathematikangst gibt. Autistische Kinder, die Schwierigkeiten mit mathematischen Konzepten haben, sollten immer auch auf Dyskalkulie untersucht werden – nicht nur auf autismusbedingte Abstraktion oder Sprachschwierigkeiten bei Textaufgaben. Rund 3–7 % aller Kinder haben eine Dyskalkulie. Kinder mit LRS haben ein 4–5-fach erhöhtes Risiko, auch von Dyskalkulie betroffen zu sein.

Besonders tückisch: Bei autistischen Kindern werden mathematische Schwierigkeiten oft als Folge von Sprachproblemen bei Textaufgaben gedeutet, nicht als eigenständige Rechenstörung. Das führt dazu, dass die eigentliche Dyskalkulie nicht erkannt und nicht gefördert wird.

Wie wird LRS bei Autismus diagnostiziert?

Die Diagnostik ist anspruchsvoller als die Standarddiagnostik – weil beide Diagnosen ihre eigene Expertise erfordern und sich in der Symptomdarstellung überlagern.

Wer übernimmt die Diagnostik?

  • Kinder- und Jugendpsychiater (insbesondere wenn Autismus bereits bekannt ist)
  • Schulpsychologischer Dienst (kostenlos, über die Schule zugänglich)
  • Spezialisierte Kinderärzte oder klinische Psychologen
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit Diagnostikkompetenz

Was umfasst eine vollständige Diagnostik?

  • Standardisierte Lese- und Rechtschreibtests (z.B. ELFE II, SLRT-II, WRT, HSP)
  • Intelligenztest (um LRS von einer allgemeinen kognitiven Beeinträchtigung abzugrenzen)
  • Anamnese: Familiengeschichte (LRS ist stark vererbt!), Sprachentwicklung, Schulverlauf
  • Ausschluss von Hör- und Sehproblemen als mögliche Ursache
  • Berücksichtigung des Autismus-Profils: Wie äußert sich der Autismus? Welche sprachlichen Besonderheiten gibt es?
  • Bei Verdacht auf Dyskalkulie: Rechentest (z.B. TEDI-MATH, ZAREKI)
✅ Checkliste: Wann sollte abgeklärt werden?
  • Das Kind lernt trotz ausreichendem Unterricht und normaler Intelligenz nicht zuverlässig lesen und/oder schreiben
  • Lese- und Schreibschwierigkeiten sind auffällig im Vergleich zu anderen schulischen Leistungen
  • Buchstaben werden häufig gespiegelt, verwechselt oder ausgelassen
  • Vorlesen ist mit großer Anstrengung verbunden; das Kind vermeidet Situationen, in denen gelesen werden muss
  • Die Rechtschreibung verbessert sich auch nach intensivem Üben kaum
  • Das gleiche Wort wird innerhalb eines Textes unterschiedlich geschrieben
  • Textaufgaben in Mathematik scheitern nicht am Rechnen, sondern am Lesen
  • Die Schule oder Lehrkräfte empfehlen eine LRS-Abklärung

Nachteilsausgleich & Notenschutz: Was möglich ist

Ein autistisches Kind mit diagnostizierter LRS hat Ansprüche aus beiden Diagnosen – diese ergänzen sich und können kombiniert beantragt werden. Das Bundesverfassungsgericht hat 2023 klargestellt: LRS ist eine Behinderung nach Art. 3 GG, Kinder haben einen Rechtsanspruch auf gleichwertige Bildungschancen.

Aus Autismus-Diagnose
Nachteilsausgleich ASS
Strukturierungshilfen im Aufgabenlayout, reizarme Prüfungsumgebung, optische Markierungen, Einzelsituation bei Prüfungen, Zeitverlängerung, Vorab-Information über Prüfungsinhalte. Grundlage: Inklusionsgebot, schulische Erlasse je Bundesland.
Aus LRS-Diagnose
Notenschutz & LRS-Nachteilsausgleich
Notenschutz (Rechtschreibung wird nicht benotet), Zeitzugabe (typisch: 25 % mehr Zeit), Vorlesen von Aufgaben, Nutzung von Lesestiften oder Lesesoftware, vergrößerte Schrift, Verwendung von Regelkarten. Grundlage: LRS-Erlass des jeweiligen Bundeslandes.
Technische Hilfsmittel
Digital & Assistiv
Lesestift (z.B. Tellimero), Textvorleseprogramme (Kurzweil, WordQ), Spracherkennungssoftware (Dragon), Rechtschreibkorrektur-Programme, Hörbücher als Alternative zu Lesen, Audioaufnahmen statt Mitschrift. Antrag über Schulamt oder Krankenkasse.
Seelische Gesundheit
Psychosoziale Begleitung
Fast 70 % der Kinder mit LRS leiden unter mindestens einer psychosozialen Belastung (PuLs-Studie, Huck & Schröder 2016). Angst, Depression und Motivationsverlust durch schulisches Scheitern sind häufig – besonders bei autistischen Kindern, die ohnehin anfälliger für psychische Komorbiditäten sind.
📋 Nachteilsausgleich beantragen – so geht es

Grundsätzlich können Eltern den Nachteilsausgleich formlos schriftlich bei der Schulleitung beantragen. Notwendig ist eine medizinische Diagnose (ICD-10 F81.0 oder F81.1 für LRS; F84.x für Autismus) durch einen approbierten Arzt oder Psychologen. Die Schule muss nicht jedes Jahr erneut einen Antrag stellen lassen – die Diagnose muss aber dokumentiert vorliegen. Bei Ablehnung: Widerspruch einlegen, da die Entscheidung ein Verwaltungsakt ist. Weiterführende Informationen bietet der Nachteilsausgleich-Ratgeber auf dieser Website.

⚠️ Achtung: Unterschiede je Bundesland

Die schulrechtlichen Regelungen zu Nachteilsausgleich und Notenschutz bei LRS sind nicht bundeseinheitlich. Was in Bayern gilt, kann in NRW anders geregelt sein. Für Dyskalkulie gibt es in vielen Bundesländern noch gar keinen geregelten Nachteilsausgleich. Informieren Sie sich unbedingt beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) oder beim Landesverband Ihres Bundeslandes über die aktuell geltenden Regelungen.

Förderung und Therapie: Was wirklich hilft

LRS bei Autismus ist nicht heilbar, aber mit gezielter Förderung gut bewältigbar. Das ist die einhellige Aussage aller einschlägigen Leitlinien – einschließlich der S3-Leitlinie LRS. Für autistische Kinder gelten zusätzliche Anforderungen an die Förderung.

Evidenzbasierte LRS-Förderung (allgemein)

Laut S3-Leitlinie und Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie muss die Förderung symptomspezifisch sein – sie muss direkt an den Schwierigkeiten beim Lesen und/oder Schreiben ansetzen. Wichtig sind:

  • Training der phonologischen Bewusstheit (Laute hören, trennen, zusammenfügen)
  • Systematisches, strukturiertes Lesetraining (Laut-Buchstaben-Zuordnung)
  • Aufbau von Lesekompetenz durch Wiederholung und Automatisierung
  • Orthographietraining mit Regellernen
  • Möglichst Einzelförderung oder kleine Gruppen
  • Aufbau von Lesestrategien (aktives Lesen, Textsegmentierung)
  • Stärkung des Selbstwertgefühls parallel zur Lerntherapie

Was bei autistischen Kindern mit LRS zusätzlich beachtet werden muss

  • Autismussensible Gestaltung der Förderung: Klare Strukturen, vorhersehbare Abläufe, keine überraschenden Aufgabenwechsel
  • Mehrdeutige Sprache vermeiden: Aufgabenstellungen müssen eindeutig und wörtlich formuliert sein
  • Sonderinteressen nutzen: Lesetexte und Beispiele aus dem Interessensbereich des Kindes erhöhen die Motivation und die Verarbeitung
  • Sensorische Anforderungen berücksichtigen: Ruhige Förderumgebung, ggf. Kopfhörer bei Geräuschen, angemessene Beleuchtung
  • Kein Vorlesen in Gruppen erzwingen: Das löst Angst aus und hemmt den Lernprozess
  • Körperliche Aktivierung: Sensorische Integrationstherapie kann die neurophysiologische Basis für Aufmerksamkeit und Konzentration verbessern und so die Lerntherapie unterstützen
  • Eltern einbeziehen: Hausübungen müssen autismusspezifisch erklärt und begleitet werden
💡 Multimodaler Ansatz empfohlen

Für autistische Kinder mit LRS empfehlen Fachleute einen multimodalen Ansatz: Die Kombination aus sensorischer Integrationstherapie, Verhaltenstherapie und spezialisierter Lerntherapie zeigt die besten Ergebnisse. Die sensorische Integrationstherapie schafft die neurophysiologische Basis für Aufmerksamkeit; die Verhaltenstherapie unterstützt die Lernbereitschaft; die Lerntherapie setzt direkt an den Schriftsprachschwierigkeiten an. Wichtig: Diese kombinierte Therapie sollte möglichst in einer Hand liegen – oder zumindest durch intensive Abstimmung zwischen den Beteiligten begleitet werden.

Technische Hilfsmittel im Schulalltag

Für autistische Kinder mit LRS können technische Hilfsmittel besonders entlastend wirken, weil sie sowohl die LRS-bedingte Schreiblast reduzieren als auch autistischen Bedürfnissen nach Vorhersehbarkeit und Struktur entgegenkommen:

  • Lesestift (z.B. Tellimero, C-Pen): Liest Texte laut vor – entlastet beim Dekodieren
  • Text-to-Speech-Software (Kurzweil 3000, WordQ, AnySoftkeyboard): Texte werden vorgelesen, gleichzeitig hervorgehoben
  • Spracherkennung (Dragon NaturallySpeaking): Diktat statt Tippen oder Schreiben
  • Hörbücher: Zugang zu Inhalten ohne Lesebarriere
  • Farbige Silbenmarkierung: Strukturierungshilfe, die autistischen Kindern mit Vorliebe für visuelle Klarheit entgegenkommt
  • Mind-Maps und visuelle Strukturierungen: Für Textplanung und Aufsätze

Weiterführende Artikel auf autismus-ratgeber.de

Anlaufstellen & Hilfsangebote

Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. (BVL)
Seit 1974 die zentrale Anlaufstelle bei LRS in Deutschland – auch im Kontext Autismus. Beratung zu Diagnostik, Nachteilsausgleich, Therapie, Schule und Beruf. Landesverbände in allen 16 Bundesländern. Telefon: 0228 38 755054 (Di–Fr 8–12 Uhr).
bvl-legasthenie.de ↗
autismus Deutschland e.V.
Bundesverband mit ~55 Regionalverbänden. Beratung zu schulischen Themen bei Autismus, Nachteilsausgleich und Kartensuche für Anlaufstellen vor Ort.
autismus.de ↗
Schulpsychologischer Dienst
Zugang über die Schule – kostenlose Diagnostik und Beratung zu LRS und Dyskalkulie. In manchen Bundesländern ist auch ein kostenloser Dyskalkulie-Test über das Landesschulamt möglich.
Anlaufstellen finden →
ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.
250.000+ Besucher/Monat, 5.100+ geprüfte Fachkräfte im Adressverzeichnis. Auch Therapeuten für LRS und Dyskalkulie bei Autismus auffindbar. Digitale Selbsthilfegruppe bundesweit.
adhs-autismus-adressen.de ↗
Kompetenzzentrum Autismus Klaus Neuffer
Bietet Schulbegleitung, Lerntherapie und Diagnostik für autistische Kinder an, auch bei LRS und Dyskalkulie. Informationsseiten zu LRS im Autismus-Kontext.
autismus-therapie-schulbegleitung.de ↗

Häufige Fragen zu LRS und Autismus

Kann ein Kind gleichzeitig Autismus und LRS haben? +
Ja, eindeutig. LRS und Autismus sind zwei eigenständige Diagnosen, die unabhängig voneinander entstehen, aber gemeinsam vorkommen können. Studien zeigen, dass autistische Kinder mit ca. 14 % deutlich häufiger von LRS betroffen sind als die Allgemeinbevölkerung (4–8 %). Beide Diagnosen müssen getrennt gestellt und getrennt behandelt werden.
Woher weiß ich, ob die Probleme von Autismus oder einer LRS kommen? +
Das ist die zentrale diagnostische Frage – und sie lässt sich ohne Fachdiagnostik nicht beantworten. Grobe Hinweise: Wenn ein Kind Buchstaben nicht zuverlässig dekodieren kann, also die Laut-Buchstaben-Zuordnung nicht funktioniert, spricht das für LRS. Wenn ein Kind lesen kann, aber den Sinn von Texten nicht erfasst – besonders bei sozialen oder metaphorischen Inhalten – spricht das eher für autistische Sprachbesonderheiten. Beides kann gleichzeitig vorliegen. Eine spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Erfahrung in beiden Bereichen ist die beste Anlaufstelle.
Haben autistische Kinder mit Hyperlexie eine LRS? +
Nein – Hyperlexie ist das Gegenteil von LRS. Hyperlexische Kinder können oft frühzeitig und technisch gut lesen (Dekodieren), verstehen aber den Textinhalt nicht oder kaum. Bei LRS ist die Dekodierung selbst das Problem. Beide Phänomene kommen bei Autismus vor, sind aber grundlegend verschieden – und bedürfen grundlegend unterschiedlicher Förderung.
Hat mein Kind mit Autismus-Diagnose automatisch Anspruch auf Nachteilsausgleich bei LRS? +
Nein – die Autismus-Diagnose und eine LRS-Diagnose begründen jeweils eigene Ansprüche, die beide dokumentiert und beantragt werden müssen. Wenn nur Autismus diagnostiziert ist, gelten die autismusspezifischen Regelungen (z.B. reizarme Prüfungsumgebung, Strukturierungshilfen). Wenn zusätzlich eine LRS diagnostiziert ist, kommen LRS-spezifische Maßnahmen hinzu (Notenschutz, Zeitzugabe, Lesestifte). Beide Ansprüche können kombiniert werden.
Kann LRS auch bei Erwachsenen mit Autismus vorkommen? +
Ja. LRS ist keine Kinderkrankheit, die sich „verwächst“. Rechtschreibprobleme können bis ins Erwachsenenalter anhalten. Viele autistische Erwachsene, die in der Schule als „nicht besonders begabt“ galten oder Schulschwierigkeiten hatten, haben im Erwachsenenalter weder eine LRS- noch eine Autismusdiagnose erhalten. Eine Spätdiagnostik ist in jedem Alter möglich und kann wichtige Grundlagen für berufliche Unterstützung und Selbstverständnis schaffen.
Warum helfen Standard-LRS-Programme bei autistischen Kindern manchmal nicht? +
Weil Standard-LRS-Förderung nicht auf autistische Verarbeitung abgestimmt ist. Typische Probleme: Mehrdeutige Aufgabenstellungen werden nicht verstanden; Sozialsprache in Lesetexten überfordert; Gruppenlesesituationen erzeugen Angst; fehlende Vorhersehbarkeit in der Stunde stört; sensorische Reize in der Förderumgebung stören die Konzentration. Gute LRS-Therapie für autistische Kinder ist autismussensibel – das heißt, sie berücksichtigt die autistische Informationsverarbeitung, Sensorik und Kommunikation.
Wird Dyskalkulie in Deutschland auch für autistische Kinder anerkannt? +
Das ist bundeslandabhängig und leider oft unzureichend geregelt. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) kritisiert, dass es für Dyskalkulie keine bundeseinheitlichen schulrechtlichen Regelungen gibt. In vielen Bundesländern wird kein Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie gewährt – im Gegensatz zur LRS, für die alle Bundesländer zumindest Grundregelungen haben. Für autistische Kinder mit Dyskalkulie ist es daher besonders wichtig, sich frühzeitig beim Landesverband des BVL zu beraten, welche Möglichkeiten im eigenen Bundesland bestehen.
📚 Quellen & Belege
  1. autismus-kultur.de (2023): Komorbiditäten: Autismus plus weitere Diagnosen. LRS bei Autismus: ~14 % der Betroffenen (Studie 2009); Allgemeinbevölkerung ~4 %.
  2. autismus-kultur.de (2025): Lernstörung oder Autismus? Standard-Therapien passen oft nicht 1:1 bei Autismus.
  3. Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V. (BVL): Legasthenie / LRS. Definition, ICD-10 F81.0/F81.1, Nachteilsausgleich.
  4. BVL (2025): Schulische Förderung – Nachteilsausgleich. Uneinheitliche Regelungen in den Bundesländern.
  5. Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung: Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. 5–10 % aller Kinder, Jungen 2–3× häufiger.
  6. Kompetenzzentrum Autismus Klaus Neuffer (2024): Was ist LRS? LRS-Häufigkeit 4–5 %, Kinder mit Wahrnehmungsproblemen.
  7. Bezirksregierung Düsseldorf (NRW): Individuelle Nachteilsausgleiche. Nachteilsausgleich bei ASS + LRS; LRS-Erlass NRW 1991.
  8. Bundesverfassungsgericht, Urteil 22.11.2023 (1 BvR 2577/15): LRS ist Behinderung nach Art. 3 Abs. 3 GG; Rechtsanspruch auf gleichwertige Bildungschancen.
  9. Sabine Jokisch-Lernstraat (2025): Autismus und Legasthenie. Multimodaler Ansatz: sensorische Integration + KVT + Lerntherapie.
  10. Universität Zürich, Plattform Lernen und Lernstörungen: Komorbiditäten bei Lernstörungen. Bis 62 % mit mind. einer weiteren neurologischen Diagnose; ASS und Mathematikangst.
  11. Huck, M. & Schröder, U. (2016): PuLs-Studie – fast 70 % der Kinder mit LRS/Rechenschwäche unter psychosozialen Belastungen. Zitiert nach: Lerntherapie-VS.
  12. Wikipedia: Lese- und Rechtschreibstörung. Definitionen, genetische und neurobiologische Grundlagen.
  13. VSHG Asperger-Eltern (Schweiz): Dyskalkulie. Rechenstörung bei Asperger/Autismus; 3–7 % Allgemeinbevölkerung.
  14. BVL (aktuell): Therapieansätze bei Legasthenie. Symptomspezifische Förderung nach S3-Leitlinie.