Autismus Aktuell

Aktuell

Autismus aktuell – Studien, Projekte & Neuigkeiten 2026

Was sich in Forschung, Förderung und Versorgung rund um Autismus tut – hier sammeln wir relevante Meldungen, eingeordnet und verständlich erklärt. Kein Nachrichtenrauschen, nur was wirklich zählt.

Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026 Einträge gesamt: 28 Turnus: laufend
Oktober 2026
21 Okt
Forschungsprojekt Neu

Das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig untersucht gemeinsam mit der Professur für Kognitive und Klinische Neurowissenschaften der TU Dresden, ob und wie sich die visuelle Verarbeitung bei autistischen und nicht-autistischen Menschen unterscheidet. Hintergrund: Viele Menschen mit Autismus berichten von Reizüberflutung im Alltag, deren Ursachen bislang unklar sind. Gesucht werden Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren mit einer von einer Fachstelle festgestellten Autismusdiagnose sowie nicht-autistische Vergleichspersonen. Die Studie umfasst Fragebögen, Computertests und eine MRT-Untersuchung an zwei Terminen von jeweils fünf bis sechs Stunden (plus Pausen) in Leipzig. Zu den Voraussetzungen zählen unter anderem gute Deutschkenntnisse, normale oder korrigierte Seh- und Hörfähigkeit, keine regelmäßige Einnahme von Medikamenten, die die Gehirnaktivität beeinflussen, sowie keine nicht entfernbaren Metallteile oder elektronischen Geräte im oder am Körper. Laut Aufruf gibt es nach allen Sitzungen eine Aufwandsentschädigung von rund 120 Euro; Anreise- und Übernachtungskosten werden für Teilnehmende und gegebenenfalls eine Begleitperson übernommen. Wichtig: Es handelt sich um einen Studienaufruf – Ergebnisse liegen noch nicht vor.

15 Okt
Förderung & Politik

Das sächsische Sozialministerium hat am 15. Oktober 2026 die Ergebnisse einer von ihm beauftragten Studie zu besonderen Unterstützungsbedarfen von Menschen mit spezifischen Behinderungen vorgestellt. Untersucht wurden Menschen im Autismus-Spektrum, mit Prader-Willi- oder Angelman-Syndrom sowie mit Taubblindheit; durchgeführt hat die Studie das Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG). Betroffene und Angehörige waren direkt beteiligt. Als zentrales Ergebnis nennt das Ministerium die medizinische Versorgung – insbesondere den Zugang zur Diagnostik und eine behinderungssensible Gesundheitsversorgung. Dringende Bedarfe wurden außerdem in den Bereichen schulische Bildung, Erwerbstätigkeit und Wohnen formuliert. Die Ergebnisse sollen vorrangig in den Aktionsplan 3.0 der Staatsregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention einfließen, dessen Erarbeitung gerade begonnen hat. Wichtig zur Einordnung: Konkrete Verbesserungen sind damit noch nicht beschlossen. Zudem betrachtet die Studie mehrere Behinderungsgruppen gemeinsam – nicht jedes Ergebnis lässt sich eins zu eins auf Autismus übertragen.

13 Okt
Studie

Im Fachjournal Neurodiversity ist am 13. Oktober 2026 eine Arbeit des britischen Pädagogen Marc Wheeler erschienen, der darin die Dokumente seines eigenen Lebens wissenschaftlich auswertet (Autoethnografie). Grundlage sind persönliche, schulische, medizinische und berufliche Unterlagen aus den Jahren 1993 bis 2026 – darunter psychiatrische, psychologische und ergotherapeutische Berichte sowie mehr als 6.500 Tagebucheinträge aus Kindheit, Schulzeit, Ausbildung und ersten Berufsjahren. Das wiederkehrende Muster: Nach außen gelang die Teilhabe oft, teils sogar mit sehr guten Bewertungen – erreicht aber durch enorme Regulationsarbeit und Masking, gefolgt von Erschöpfung, Rückzug oder Zusammenbrüchen nach Schule oder Arbeit. Wheeler folgert, dass sich das Funktionsniveau autistischer Menschen nicht allein an sichtbarer Leistungsfähigkeit ablesen lässt. Fachleute sollten auch fragen, welche Vorbereitung und Unterstützung nötig sind, was in Übergängen passiert und wie lange die Erholung dauert. Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um die Analyse einer einzigen Lebensgeschichte durch den Betroffenen selbst, ohne unabhängige zweite Auswertung – also keine repräsentative Untersuchung, sondern eine vertiefende Perspektive, die sich in den bisherigen Forschungsstand zu Masking und autistischem Burnout einfügt. Der Artikel ist frei zugänglich.

11 Okt
Studie

Im Journal of Autism and Developmental Disorders ist eine vorab registrierte Studie zu einem strukturierten Video-Diagnostikverfahren für Erwachsene erschienen. Ausgewertet wurden 100 Erwachsene, die überwiegend lautsprachlich kommunizieren und bei einem US-amerikanischen Telehealth-Anbieter abgeklärt worden waren. Die Abklärung umfasste in der Regel zwei 90-minütige strukturierte Interviews entlang der DSM-5-TR-Kriterien, Verhaltensbeobachtung per Video, Fragebögen und – soweit verfügbar – Angaben von Angehörigen. Eine verblindete Expertin prüfte anschließend die anonymisierten Unterlagen: In 86 von 100 Fällen stimmte ihre Einschätzung mit der ursprünglichen Diagnose überein (Cohens Kappa 0,68). Wichtig zur Einordnung: Das bedeutet nicht „86 Prozent diagnostische Genauigkeit“. Beide Bewertungen beruhten weitgehend auf denselben Unterlagen, eine unabhängige zweite Untersuchung fand nicht statt. Vier der fünf Mitglieder des Autorenteams sind beim untersuchten Anbieter angestellt; die Arbeitszeit der prüfenden Expertin wurde über eine Vereinbarung mit ihrer Universität vom Anbieter finanziert. Untersucht wurde zudem nur eine einzelne US-Klinik. Die Forschenden selbst fordern eine unabhängige Validierung mit getrennten Untersuchungen.

09 Okt
Förderung & Politik

Der Bundesverband autismus Deutschland e.V. hat am 9. Oktober 2026 Forderungen zur Eingliederungshilfe und zu gelingender Inklusion veröffentlicht. Anlass ist der Regierungsentwurf zum „Ersten Gesetz zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe“ (1. KJHSRG), den das Bundeskabinett am 12. August 2026 beschlossen und mit dem sich der Bundesrat am 25. September 2026 befasst hat, sowie weitere geplante Einsparungen in der Eingliederungshilfe. Der Verband fordert unter anderem: keine Einsparungen auf Kosten der Teilhabe autistischer Kinder und Jugendlicher, den Vorrang individueller Einzelfallhilfe samt Wunsch- und Wahlrecht, die Beibehaltung der individuellen Hilfeplanung unter Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen und Eltern sowie die Möglichkeit, ambulante Autismustherapie und Schulbegleitung nebeneinander zu erhalten. Für die geplanten infrastrukturellen Angebote verlangt der Verband hoch qualifiziertes Personal – nur dann könnten sie eine sinnvolle Alternative zur Schulbegleitung sein; zugleich müsse ein rechtlich durchsetzbarer Anspruch auf Einzelassistenz bestehen bleiben. Außerdem fordert er eine klare Trennung von Eingliederungshilfe und Hilfen zur Erziehung, da Autismus eine angeborene Behinderung sei und nicht durch Erziehung entstehe. Aus Sicht des Verbands wäre es für die Teilhabe förderlicher, den Gesetzentwurf zu stoppen. Wichtig: Es handelt sich um eine Verbandsstellungnahme, nicht um eine beschlossene Gesetzesänderung – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lief das parlamentarische Verfahren noch.

September 2026
22 Sep
Studie

Im Fachjournal Autism in Adulthood wurde die Anwendung „Autistic Mirror“ vorgestellt, entwickelt von Aaron Wahl (Communication Bridge UG, Hamburg). Die KI-Anwendung soll wissenschaftliche Erkenntnisse zu Autismus in verständliche, neurodiversitätsorientierte Erklärungen übersetzen und richtet sich an autistische Erwachsene ebenso wie an Angehörige und Fachleute. Beschrieben werden vor allem die technische Architektur und das Sicherheitskonzept: Laut Veröffentlichung wurden in einem Audit unter anderem 2.205 Chat-Aufrufe in sieben Sprachen sowie mehrstufige Angriffsversuche untersucht. Wichtig zur Einordnung: Der Beitrag ist kein Wirksamkeitsnachweis. Es handelt sich weder um ein validiertes Diagnostikwerkzeug noch um eine belegte Therapie, sondern um die Beschreibung einer Anwendung und der Erfahrungen aus ihrem Einsatz. Der Autor ist zugleich Eigentümer des Unternehmens hinter der kostenpflichtigen Anwendung und weist diesen Interessenkonflikt in der Publikation selbst aus.

21 Sep
Studie

Forschende des Karolinska Institutet haben Registerdaten von rund 3,7 Millionen Menschen ausgewertet, die zwischen 1987 und 2021 in Schweden geboren wurden. Bei 975 von ihnen war eine angeborene TORCH-Infektion dokumentiert – dazu zählen Toxoplasmose, weitere Infektionen wie Syphilis, Röteln, Zytomegalie (CMV) und Herpes simplex. Diese Kinder erhielten später etwa dreimal häufiger eine Autismusdiagnose und mehr als siebenmal häufiger die Diagnose einer Intelligenzminderung; bei schwerer Ausprägung war das Risiko um ein Vielfaches erhöht. Der Zusammenhang blieb auch im Vergleich von Geschwistern bestehen, was familiäre und genetische Einflüsse zumindest teilweise herausrechnet. Entscheidend für die Einordnung: Angeborene TORCH-Infektionen sind sehr selten. Die Forschenden schätzen, dass sie nur etwa 0,03 Prozent aller Autismusfälle in Schweden erklären. Die Studie ist damit kein Beitrag zur allgemeinen Ursachendebatte um Autismus, sondern vor allem ein Argument für Infektionsprävention in der Schwangerschaft – etwa durch eine Röteln-Impfung vor der Schwangerschaft, Hygiene im Umgang mit Kleinkindern, Vorsicht bei rohem Fleisch und Screening während der Schwangerschaft.

17 Sep
Forschungsprojekt

Die US-Forschungsagentur ARPA-H hat am 17. September 2026 das Programm SPECTRA gestartet („Systems for Phenotypic Evaluation, Clinical Trajectories, Response, and Agency“). Der Ansatz: Statt sich wie bisher überwiegend auf Verhaltensbeobachtung durch geschulte Fachkräfte zu stützen, sollen biologische, klinische, verhaltensbezogene und Alltagsdaten zusammengeführt und mit modernen computergestützten Verfahren ausgewertet werden. Berücksichtigt werden unter anderem Genetik, Umwelteinflüsse, Epigenetik, Stoffwechsel, Immunsystem und Mikrobiom. Ziele sind eine frühere und genauere Diagnostik, ein besseres Verständnis individueller Entwicklungsverläufe und passgenauere Unterstützung über die gesamte Lebensspanne. Ausdrücklich in den Blick genommen werden Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, die in der Forschung bislang unterrepräsentiert sind. Wichtig: Das Programm steht ganz am Anfang. Derzeit laufen lediglich Ausschreibungen für Forschungsteams, die erste Einreichfrist endet im Oktober 2026; klinische Ergebnisse gibt es noch nicht.

16 Sep
Studie

Ein Forschungsteam der Zhejiang University und des Third Affiliated Hospital der Sun Yat-sen University (China) hat mit „Autism-CLIP“ ein KI-Modell entwickelt, das aus nur drei Minuten natürlicher Eltern- beziehungsweise Betreuungsperson-Kind- Interaktion Hinweise auf Autismus bei Kleinkindern zwischen 15 und 24 Monaten herausfiltern kann. Das am 16. September 2026 in Nature Communications veröffentlichte Vision-Language-Modell kombiniert kontrastives Lernen mit einer von einem Sprachmodell erzeugten Überwachung und kommt dabei ohne manuelle Videokodierung aus. In einer internen Kohorte mit 103 Kindern erreichte Autism-CLIP eine AUC von 0,903, in einer externen Kohorte mit 102 Kindern eine AUC von 0,873 – und schnitt damit besser ab als klassische Machine-Learning-Verfahren. Über eine Aufmerksamkeitskarte identifizierte das Modell unter anderem Blickvermeidung und eingeschränkte soziale Gegenseitigkeit als klinisch relevante Merkmale. Da lediglich mit dem Smartphone aufgenommene Videos nötig sind, könnte der Ansatz die Autismus-Früherkennung skalierbarer und kostengünstiger machen. Wichtig: Autism-CLIP ist ausdrücklich kein Ersatz für eine klinische Diagnostik, sondern allenfalls ein Werkzeug zur Vorauswahl. Die Studie liegt derzeit als frühe, bereits begutachtete Fassung vor – die endgültige „Version of Record“ mit möglichen redaktionellen Änderungen folgt laut Nature Communications noch.

15 Sep
Förderung & Politik

Nach einer Überprüfung von 99 Quellen, darunter 83 wissenschaftlichen Publikationen, hat die National Autistic Society (NAS), Großbritanniens größte Autismus-Organisation, am 15. September 2026 erstmals ausdrücklich erklärt: „Autism is genetic.“ Nach Einschätzung der NAS sind die meisten autistischen Menschen aufgrund einer komplexen Kombination von Genvarianten autistisch, die sie von ihren Eltern geerbt haben – ein einzelnes „Autismus-Gen“ gibt es nicht, stattdessen wirken tausende Gene zusammen. Andere Faktoren können deutlich seltener eine Rolle spielen, meist im Zusammenspiel mit dieser genetischen Veranlagung. Die Organisation reagiert damit ausdrücklich auf anhaltende Falschinformationen zu vermeintlichen Ursachen wie Impfungen, Schmerzmitteln in der Schwangerschaft oder Erziehungsstil. In einer Befragung von 300 autistischen Menschen und Angehörigen zu den Ergebnissen sagten 64 %, die klare Einordnung könne helfen, solche Mythen zu widerlegen – gleichzeitig äußerten viele Befragte die Sorge, dies könne bei Eltern zu Schuldgefühlen führen. Wichtig: Die Erklärung bedeutet nicht, dass es einen einzelnen genetischen Test auf Autismus gibt. Die NAS betont ausdrücklich, dass sehr viele Gene beteiligt sind und derzeit kein Gentest Autismus zuverlässig vorhersagen oder diagnostizieren kann.

01 Sep
Forschungsprojekt

Am 1. September 2026 ist das mit 6 Millionen Euro geförderte Horizon-Europe-Projekt MICRO-NEST gestartet. Nach der Förderzusage im Juni beginnt damit das auf fünf Jahre angelegte Forschungsprojekt mit Partnern aus Europa und Australien. Untersucht werden Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren wurden und laut Projektkonsortium etwa dreimal häufiger eine Autismusdiagnose erhalten. Ziel ist es, frühe biologische Marker mithilfe von Genomik, Glykomik, Immunprofiling, Mikrobiomanalyse, Epigenetik und moderner Hirnbildgebung zu identifizieren. Dadurch sollen eine deutlich frühere Erkennung und perspektivisch frühere, individuellere Unterstützung ermöglicht werden. Die Technische Universität Dresden ist mit dem Center for Regenerative Therapies Dresden (CRTD) und der Arbeitsgruppe von Prof. Mareike Albert eine von 16 beteiligten Partnerorganisationen und bringt insbesondere Expertise in Epigenetik und Gehirnentwicklung ein. Koordiniert wird MICRO-NEST von Inserm in Frankreich unter Leitung von Prof. Pierre Gressens. Langfristig soll zudem ein KI-gestützter „digitaler Zwilling“ entstehen, der komplexe biologische und klinische Daten zusammenführt und Fachkräften bei früher Erkennung sowie individuelleren Unterstützungs- und Behandlungsansätzen helfen könnte.

August 2026
19 Aug
Förderung & Politik

Als Reaktion auf eine Anordnung der US-Regierung zur Änderung der kindlichen Impfempfehlungen haben die American Academy of Pediatrics (AAP) und das Poynter Institute im August 2026 die Faktenlage erneut zusammengefasst: Seit 1998 haben unabhängige Forschungsteams in sieben Ländern mehr als 40 Studien mit Daten von über 5,6 Millionen Menschen ausgewertet – keine davon fand einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Kinderimpfungen (weder MMR noch dem Konservierungsstoff Thiomersal) und Autismus. Den Anstieg der US-Diagnosezahlen auf zuletzt 1 von 31 Kindern (CDC, ADDM-Netzwerk, Erhebungsjahr 2022) führt die AAP auf verbesserte Screening-Verfahren, frühere Erfassung und die Einbeziehung leichterer Verlaufsformen zurück, nicht auf eine tatsächliche Zunahme.

13 Aug
Förderung & Politik

Aktuelle Daten von NHS England zeigen einen neuen Höchststand: Zum Stichtag Juni 2026 hatten 294.792 Menschen einen offenen Verweis auf eine Autismus-Abklärung – ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 90 Prozent warten länger als die von NICE empfohlenen 13 Wochen, in einzelnen Regionen bis zu drei Jahre. Mel Merritt, Head of Policy bei der National Autistic Society, fordert von der britischen Regierung dringend zusätzliche Finanzierung für die Diagnostik-Infrastruktur.

04 Aug
Forschungsprojekt

Gleich mehrere studentische Qualifikationsarbeiten an deutschen Hochschulen widmen sich im Sommer 2026 der Frage, wie Alltag und Umwelt neuroinklusiver gestaltet werden können. An der FernUniversität in Hagen laufen im Fachgebiet Arbeits- und Organisationspsychologie zwei Erhebungen: Eine untersucht, wie autistische und ADHS-Erwachsene die Stellensuche erleben und wie Anpassungsstrategien („Masking“) im Bewerbungsprozess mit Belastung zusammenhängen, die zweite befasst sich mit Masking im laufenden Arbeitsalltag. Ziel beider Arbeiten: Hinweise für neuroinklusivere Arbeitsplätze. An der Leibniz Universität Hannover untersuchte eine Bachelorarbeit in der Landschaftsarchitektur (Erhebung bis 19. Juli 2026), wie autistische Menschen städtische Grünräume wahrnehmen, um Parkplanung künftig autismussensibler zu gestalten. An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig lieferte eine Bachelorarbeit im Studiengang Museologie (Erhebung bis 15. Juli 2026) erste deutschlandweite Daten dazu, welche Barrieren Museumsbesuche für Menschen im Autismus- und ADHS-Spektrum erschweren. Ergebnisse werden in den kommenden Monaten erwartet.

Juli 2026
13 Jul
Förderung & Politik

Der US Court of Appeals for the Second Circuit hat am 13. Juli 2026 mehr als 500 Sammelklagen wieder zugelassen, die dem Hersteller von Paracetamol-Produkten (in den USA als Tylenol bekannt) vorwerfen, nicht ausreichend vor einem möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme in der Schwangerschaft und Autismus oder ADHS gewarnt zu haben. Eine Vorinstanz hatte die Klagen 2024 abgewiesen, weil sie die Gutachten mehrerer klägerseitiger Wissenschaftler für unzureichend hielt; das Berufungsgericht sah darin einen Ermessensfehler. Wichtig: Die Richter haben ausdrücklich nicht darüber entschieden, ob Paracetamol tatsächlich Autismus verursacht – nur darüber, ob die Gutachten vor Gericht zugelassen werden dürfen. An der wissenschaftlichen Einordnung ändert das Urteil nichts: Große, gut kontrollierte Studien, darunter die im Juli 2026 hier vorgestellte Geschwisterstudie aus Hongkong, finden weiterhin keinen belastbaren Zusammenhang. Bereits im September 2025 hatten führende britische Fachverbände (u. a. National Autistic Society, Autistica, Autism Alliance UK) in einer gemeinsamen Stellungnahme betont, dass die Evidenz für einen ursächlichen Zusammenhang schwach und schlecht kontrolliert sei, und Schwangeren geraten, bestehenden ärztlichen Empfehlungen zu folgen.

06 Jul
Studie

Eine Auswertung der US-amerikanischen ECHO-Kohorte (New York University Grossman School of Medicine, Linda G. Kahn et al.) an 15.382 Mutter-Kind-Paaren zeigt: Kinder, deren Eltern eine eingeschränkte Fruchtbarkeit (Subfertilität) hatten, zeigten häufiger Verhaltensauffälligkeiten und erhielten häufiger eine Autismus-Diagnose – und zwar unabhängig davon, ob die Kinder durch eine Kinderwunschbehandlung (z. B. IVF) oder auf natürlichem Weg gezeugt wurden. Eine nicht-IVF-Fruchtbarkeitsbehandlung stand zusätzlich mit einem erhöhten ADHS-Risiko in Verbindung. Die Forschenden betonen: Nicht die Behandlung selbst scheint das Risiko zu erhöhen, sondern möglicherweise zugrunde liegende biologische Faktoren der Fruchtbarkeitsstörung. Weitere Studien sollen die genauen Mechanismen klären.

02 Jul
Studie

Eine der bislang aussagekräftigsten Studien zu diesem viel diskutierten Thema: Forschende der University of Hong Kong werteten Daten von über 708.000 Mutter-Kind-Paaren aus den Jahren 2001 bis 2023 aus und bildeten daraus Geschwisterpaare mit unterschiedlicher Paracetamol-Exposition im Mutterleib. Der aus früheren Beobachtungsstudien bekannte scheinbare Zusammenhang zwischen pränatalem Paracetamol-Konsum und Autismus oder ADHS verschwand vollständig, sobald familiäre Faktoren durch den Geschwistervergleich herausgerechnet wurden – unabhängig von Dosis, Schwangerschaftsdrittel oder Einnahmemuster. Die Ergebnisse decken sich mit einer früheren schwedischen Studie an 2,5 Millionen Kindern und liefern Schwangeren sowie Fachleuten eine belastbare Entwarnung für die Einnahme des Schmerzmittels bei medizinischer Indikation.

Juni 2026
18 Jun
Stellungnahme

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) hat am 18. Juni 2026 eine umfangreiche Stellungnahme veröffentlicht: „Autistische Kinder und Jugendliche in der Schule unterstützen“. Die 16 Bildungsforschenden schlagen Alarm: Autistische Schülerinnen und Schüler sind im deutschen Schulsystem einem erhöhten Risiko von Diskriminierung und pädagogischer Exklusion ausgesetzt, weil sie häufig kein passendes Lernumfeld vorfinden und viele Lehrkräfte sich schlecht auf ihren Unterstützungsbedarf vorbereitet fühlen. Autismus werde weder im Schulsystem noch in der Lehrkräftebildung durchgängig berücksichtigt. Die SWK fordert in fünf konkreten Empfehlungen u. a. bessere Datenlage, Klärung der Rechtssituation, diagnostische Standards, autismussensible Lernumgebungen, Lehrkräftequalifizierung – und eine nationale Autismusstrategie nach dem Vorbild Englands oder Neuseelands.

17 Jun
Studie

Wie können hunderte verschiedene Genmutationen zu einem so ähnlichen Erscheinungsbild führen? Forschende des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) liefern eine Antwort: Egal welches Autismus-Risikogen betroffen ist – die gestörten Nervenzellen konvergieren stets auf dieselben molekularen Signalwege. Die in Nature veröffentlichte Studie (Schwarz et al., Juni 2026) untersuchte Gehirnzellen mit Mutationen in 13 verschiedenen Autismus-Risikogenen und identifizierte gemeinsame zelluläre Endpunkte. Der Befund eröffnet einen neuen Ansatz: statt jedes Gen einzeln zu adressieren, könnten künftige Therapien an diesen gemeinsamen Knotenpunkten ansetzen.

08 Jun
Forschungsprojekt

Am Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) verfolgt Prof. Dr. Christine Falter-Wagner (LMU Klinikum München) einen Ansatz zur Objektivierung der Autismus-Diagnostik: Statt sich allein auf zeitaufwändige Interviews und subjektive Verhaltensbeobachtung zu stützen, erfasst ihr Team mehrere Kommunikationskanäle gleichzeitig – Augenbewegungen, Mimik, Körperbewegung, Sprachmuster und physiologische Signale – und wertet sie mit Methoden des maschinellen Lernens aus. Im Mittelpunkt steht die sogenannte interpersonelle Synchronie: wie gut sich zwei Gesprächspartner aufeinander abstimmen. Ziel ist eine schnellere und objektivere Diagnostik, die in Deutschland derzeit im Schnitt bis zum siebten Lebensjahr dauert. Die Methode soll klinisches Fachpersonal künftig unterstützen, nicht ersetzen, und befindet sich noch in der Forschungsphase.

03 Jun
Forschungsprojekt

Ein europäisch-australisches Forschungskonsortium startet im September 2026 das Horizon-Europe-Projekt MICRO-NEST. Ziel ist es, biologische Frühmarker für Autismus bei Kindern zu identifizieren, die vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen – eine Gruppe mit dreifach erhöhtem Autismusrisiko. Das Universitätsklinikum Essen ist als einer von 16 Partnern beteiligt (350.000 Euro Förderanteil). Herzstück: ein KI-gestützter digitaler Zwilling, der komplexe Genomik-, Mikrobiom- und Immunprofil-Daten in personalisierte Therapiepläne übersetzt.

03 Jun
Studie

Ein internationales Team (IIT Rovereto & Child Mind Institute New York) kombinierte fMRT-Daten von 940 autistischen Kindern und jungen Erwachsenen mit Befunden aus 20 Mausmodellen. Ergebnis: zwei reproduzierbare Subtypen – einer mit reduzierter Gehirnkonnektivität (Hypoconnectivity, assoziiert mit synaptischen Pathways), einer mit erhöhter (Hyperconnectivity, assoziiert mit Immunprozessen). Wichtig: Die zwei Muster erfassen nur ca. 25 % der Stichprobe – die Mehrheit lässt sich noch keinem Subtyp zuordnen. Die Studie legt dennoch den Grundstein für biologisch differenziertere Unterstützungsansätze.

02 Jun
Studie

Ein neues statistisches Framework namens PGS-TRI, entwickelt von Forschenden der Johns Hopkins University und Kaiser Permanente Northern California, analysiert erstmals gleichzeitig, wie das eigene Erbgut des Kindes, die Gene der Eltern und Umweltfaktoren wie die Ernährung der Mutter gemeinsam das Autismus-Risiko beeinflussen. Die Studie wertete mehr als 18.000 Kind-Eltern-Trios aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus – darunter erstmals auch viele Familien nichteuropäischer Abstammung. Ein zentraler Befund: Elterliche Gene für Körpergewicht und neurokognitive Merkmale beeinflussen das Autismus-Risiko der Kinder asymmetrisch – mütterliche und väterliche Faktoren wirken unterschiedlich stark.

Mai 2026
01 Mai
Studie

Wie können hunderte verschiedene Genmutationen nahezu identische Merkmale erzeugen? Forschende der Yale School of Medicine schalteten per CRISPR 23 Autismus-Risikogene einzeln in menschlichen Gehirnzellen aus und verfolgten die Folgen über verschiedene Reifungsstadien. Ergebnis: Unabhängig vom mutierten Gen konvergierten alle zellulären Störungen auf dieselben drei biologischen Kern-Nervenbahnen – synaptische Kommunikation, Genexpressionsregulation und Mitochondrienfunktion. Erste Wirkstofftests an genetisch veränderten Zebrafischen verbesserten Verhaltensauffälligkeiten. Die Entdeckung könnte den Weg zu Therapien öffnen, die nicht ein einzelnes Gen, sondern die gemeinsamen Endpunkte aller Autismus-Risikogene adressieren.

April 2026
10 Apr
Studie

Epigenetische Muster im Nabelschnurblut beeinflussen, welche Darmbakterien sich im ersten Lebensjahr ansiedeln – und diese Kombination hängt direkt mit frühen Zeichen von Autismus und ADHS im Alter von drei Jahren zusammen. Entscheidend: Bestimmte Bakterien wie Lachnospira können genetische Risikoprofile offenbar aktiv abpuffern. Die Studie legt nahe, dass frühes Mikrobiom-Monitoring und gezielte Probiotika künftig eine Rolle in der Prävention spielen könnten – auch wenn Kausalität noch nicht abschließend bewiesen ist.

März 2026
30 Mär
Studie

Eine der größten Genomanalysen lateinamerikanischer Menschen (über 15.000 Teilnehmende, 4.717 mit Autismus-Diagnose) zeigt: Die Gene, die Autismus-Risiko erhöhen, sind über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg nahezu identisch. Bisherige Studien konzentrierten sich fast ausschließlich auf europäische Abstammung – diese Lücke schließt das internationale GALA-Konsortium nun erstmals. Die Erkenntnis stärkt die biologische Grundlage von Autismus und unterstützt globalere Diagnose- und Förderansätze.

Februar 2026
04 Feb
Studie

Das oft zitierte Verhältnis von vier diagnostizierten Jungen auf ein diagnostiziertes Mädchen hält einer differenzierten Betrachtung nicht stand, zeigt eine große schwedische Registerstudie im BMJ. Forschende um Caroline Fyfe werteten Daten von 2,7 Millionen zwischen 1985 und 2020 in Schweden geborenen Menschen aus, darunter 78.522 mit einer Autismus-Diagnose, mit Nachbeobachtung bis 2022. Bis zum zehnten Lebensjahr werden Jungen tatsächlich etwa dreimal häufiger diagnostiziert als Mädchen. Ab diesem Alter setzt jedoch ein deutlicher „Aufholeffekt“ bei den Mädchen ein, der sich in der Pubertät beschleunigt: Bis zum zwanzigsten Lebensjahr nähert sich das Verhältnis nahezu 1 zu 1 an. Das mittlere Diagnosealter lag bei Jungen bei 13,1 Jahren, bei Mädchen bei 15,9 Jahren. Die Forschenden sehen darin einen Beleg dafür, dass Autismus bei Mädchen nicht seltener vorkommt, sondern durch subtilere Symptome und stärkere Anpassungsleistung (Masking) später erkannt wird.

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