Autismus und Empathie

Autismus und Empathie – kaum ein Thema wird so oft falsch verstanden. Die Annahme, autistische Menschen hätten keine Empathie, ist ein hartnäckiger Mythos. Diese Seite erklärt, was wirklich dahintersteckt.

Innenperspektive · Autistisches Erleben

Empathie & das Missverständnis

„Autistische Menschen haben keine Empathie“ – das ist eines der verbreitetsten und schädlichsten Klischees über Autismus. Die Wahrheit ist komplizierter, nuancierter – und oft genau umgekehrt.

Redaktionell geprüft, Stand 2026 Lesezeit ca. 10 Minuten Eines der meistgesuchten Themen zu Autismus

Cheang et al. 2024

Nicht-autistische Menschen konnten die Gefühle autistischer Erzähler signifikant schlechter erkennen als die nicht-autistischer Erzähler – Empathie ist keine Einbahnstraße.

DOI: 10.1177/13623613241252320

Milton 2012 / Crompton 2020

Autistische Menschen verstehen andere autistische Menschen genauso gut – manchmal besser – als nicht-autistische. Das Verstehensproblem entsteht im Mix, nicht im Autismus.

DOI: 10.1080/09687599.2012.710008

Das Klischee und seine Wirkung

„Du hast keine Empathie“ – diesen Satz hören viele autistische Menschen im Laufe ihres Lebens. Von Lehrern, Eltern, Partnern, manchmal von Therapeuten. Er sitzt tief. Er formt das Selbstbild. Er ist in den meisten Fällen falsch.

Das Klischee entstand aus einem Missverständnis darüber, wie Empathie sich zeigt. Wer nicht spontan auf einen Gesichtsausdruck reagiert, keine angemessene Mimik zurückgibt oder soziale Tröstungsrituale nicht beherrscht – der wirkt kalt. Aber Wirkung ist nicht Wirklichkeit.

„Ich habe nicht keine Empathie. Ich habe zu viel davon. Ich weiß nur nicht immer, was ich damit machen soll – und ich zeige es nicht so, wie andere es erwarten.“
— Sinngemäß, wie viele autistische Menschen ihr Empfinden beschreiben

Was Empathie wirklich ist – und warum es kompliziert ist

Empathie ist kein einheitliches Konzept. Forschung unterscheidet mindestens zwei Dimensionen:

  • Kognitive Empathie – die Fähigkeit, die Gedanken und Perspektiven anderer zu verstehen und nachzuvollziehen
  • Affektive Empathie – das emotionale Mitfühlen, das Erleben von Mitgefühl und emotionaler Resonanz

Autistische Menschen zeigen in diesen Bereichen ein heterogenes Bild. Manche haben Schwierigkeiten mit kognitiver Empathie – insbesondere dem spontanen, intuitiven Erkennen unausgesprochener sozialer Signale. Affektive Empathie hingegen kann sehr ausgeprägt sein – manchmal überwältigend stark.

Wichtige Unterscheidung: Schwierigkeiten mit kognitiver Empathie bedeuten nicht, dass jemand kein Mitgefühl hat. Sie bedeuten oft nur, dass der automatische, nicht-verbale Kanal weniger zuverlässig funktioniert – nicht der Wille zur Verbindung fehlt.

Die häufigsten Mythen – und was wirklich dahintersteckt

Mythos

„Autistische Menschen können sich nicht in andere hineinversetzen.“

Was dahintersteckt

Das intuitive, automatische Lesen sozialer Signale kann schwerer fallen – aber durchdachtes, bewusstes Perspektivwechseln ist oft sehr gut möglich. Viele autistische Menschen sind außergewöhnlich reflektiert über die Gefühle anderer.

Mythos

„Sie reagieren nicht auf meine Traurigkeit – also ist es ihnen egal.“

Was dahintersteckt

Autistische Menschen erkennen emotionale Zustände oft nicht sofort aus Mimik oder Körpersprache. Das Mitgefühl ist da – aber es braucht manchmal direkte Information: „Es geht mir nicht gut.“

Mythos

„Sie zeigen keine Empathie, wenn jemand weint.“

Was dahintersteckt

Tröstungsrituale wie Umarmen oder „Das wird schon“ sagen sind soziale Skripte – keine automatischen Ausdruck von Mitgefühl. Manche autistischen Menschen trösten anders: durch Problemlösung, Ablenkung, stilles Dasein.

Mythos

„Wenn sie wirklich Empathie hätten, würden sie das nicht sagen.“

Was dahintersteckt

Soziale Filter funktionieren anders. Was als unempathisch wirkt – ehrliche Aussagen ohne Beschönigung – ist oft der Versuch echter, direkter Verbindung. Höflichkeit ist nicht Mitgefühl.

Das Double Empathy Problem – Empathie ist keine Einbahnstraße

Der britische Autismusforscher Damian Milton – selbst autistisch – beschrieb 2012 das sogenannte Double Empathy Problem: Das Verständigungsproblem zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen ist wechselseitig. Nicht einseitig.

Das Double Empathy Problem (Milton 2012)

Was bisher angenommen wurde

Autistische Menschen haben ein Defizit in der sozialen Kognition. Sie verstehen nicht-autistische Menschen nicht gut. Das Problem liegt bei ihnen.

Was Forschung zeigt

Das Missverständnis ist gegenseitig. Nicht-autistische Menschen verstehen autistische genauso wenig – sie merken es nur nicht, weil ihre Art als „normal“ gilt.

Eine Studie von Crompton et al. (2020) belegte: Autistische Menschen kommunizieren untereinander genauso gut wie nicht-autistische Menschen untereinander. Informationen werden genauso präzise weitergegeben – der Rapport entsteht problemlos. Das Problem entsteht erst, wenn beide Gruppen miteinander interagieren.

Das bedeutet: Soziale Schwierigkeiten bei Autismus sind kein Defizit im Autismus – sie sind ein Mismatch zwischen zwei unterschiedlichen Kommunikationssystemen.

Zu viel Empathie – die andere Seite

Viele autistische Menschen berichten nicht von zu wenig Empathie – sondern von zu viel. Empathie, die nicht dosiert, nicht gefiltert, nicht ausgeblendet werden kann.

„Wenn jemand anderes weint, weine ich meistens auch. Nicht weil ich so sozial bin – sondern weil ich nicht anders kann. Ich nehme die Gefühle anderer auf wie ein Schwamm. Das ist oft schön. Manchmal ist es zu viel.“
— Sinngemäß, wie Betroffene intensive affektive Empathie beschreiben

Dieses Phänomen – manchmal als hyper-affektive Empathie beschrieben – ist das Gegenteil des Klischees. Betroffene meiden Nachrichten, Tiervideos, dramatische Filme – nicht weil sie gleichgültig sind, sondern weil die emotionale Resonanz überwältigend sein kann.

Die Erschöpfung, die daraus entsteht, ist real und trägt häufig zur sozialen Erschöpfung nach Treffen bei: nicht nur wegen der kognitiven Anstrengung, sondern weil das Mitfühlen so viel Energie kostet.

Alexithymie – Gefühle schwer erkennen und benennen

Ein verwandtes, aber anderes Phänomen ist die Alexithymie: die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu unterscheiden. Alexithymie ist nicht Autismus-spezifisch – aber sie kommt bei autistischen Menschen häufiger vor.

Alexithymie bedeutet nicht, keine Gefühle zu haben. Es bedeutet: Die Verbindung zwischen dem Erleben des Gefühls und seiner Benennung ist schwach oder unterbrochen. Jemand kann tief traurig sein – und trotzdem auf die Frage „Wie geht es dir?“ antworten: „Ich weiß nicht.“ Nicht weil er gleichgültig ist. Sondern weil er es tatsächlich gerade nicht benennen kann.

Wichtiger Unterschied: Alexithymie und fehlende Empathie sind nicht dasselbe. Alexithymie betrifft das Erkennen und Benennen von Gefühlen – nicht die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden. Verwechslung dieser beiden Konzepte führt zu Fehleinschätzungen.

Was Forschung 2024 zeigt

Cheang et al. (2024, Brunel University London) testeten, wie genau nicht-autistische Erwachsene die Gefühle anderer Menschen erraten können – sowohl von autistischen als auch von nicht-autistischen Erzählern.

Das Ergebnis ist eindeutig: Nicht-autistische Teilnehmende erkannten die Gefühle autistischer Erzähler signifikant schlechter als die nicht-autistischer Erzähler. Empathie – also das genaue Erfassen der emotionalen Welt eines anderen – funktioniert zwischen Neurotypen schlechter als innerhalb derselben Gruppe.

Das stützt das Double Empathy Problem empirisch und unterstützt einen Paradigmenwechsel in der Autismusforschung: weg vom Defizitmodell, hin zur Perspektive eines gegenseitigen Kommunikationsmismatches.

Für Angehörige: Was das im Alltag bedeutet

  • Direkt sagen, was man braucht. „Ich bin traurig und brauche gerade Nähe“ ist besser als auf ein intuitives Erkennen zu warten. Direktheit ist kein Zeichen von Schwäche – sie ermöglicht echte Verbindung.
  • Trost sieht anders aus. Autistische Menschen trösten oft durch Problemlösung, Ablenkung oder stilles Dasein – nicht durch soziale Rituale. Das ist echter Ausdruck von Fürsorge.
  • Das Gespräch suchen. Fragen statt annehmen. „Was brauchst du gerade?“ ist besser als „Ich dachte, du brauchst das nicht“.
  • Gefühle benennen hilft. Wer mit jemandem zusammen lebt, der alexithyme Züge hat: Gefühle im Gespräch zu benennen – eigene und fremde – hilft der anderen Person, sich zu orientieren.
  • Empathie zeigt sich anders. Wer immer fragt, wer immer ehrlich ist, wer immer da ist wenn es wirklich wichtig wird – das ist auch Empathie. Nur eine andere Sprache davon.

Quellen & weiterführende Links

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Wissenschaftliche Quellen

  • Cheang, R. T. S. et al. (2024). Do you feel me? Autism, empathic accuracy and the double empathy problem. Autism, 29(9), 2315–2327. DOI: 10.1177/13623613241252320
  • Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: The ‚double empathy problem‘. Disability & Society, 27(6), 883–887. DOI: 10.1080/09687599.2012.710008

Weiterführende Links

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