Nehmen geistige Fähigkeiten bei Autismus schneller ab? Neue Studie findet dafür keinen Hinweis
Ein französisches Forschungsteam hat Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Denkflexibilität bei autistischen und nicht-autistischen Erwachsenen verglichen. Das Ergebnis widerspricht einer verbreiteten Sorge.
Auf einen Blick
- Verglichen wurden 56 autistische und 106 nicht-autistische Erwachsene im Alter von 19 bis 69 Jahren.
- Autistische Teilnehmende schnitten bei Verarbeitungsgeschwindigkeit, episodischem Gedächtnis und Denkflexibilität im Mittel niedriger ab.
- Der Unterschied zwischen Jüngeren und Älteren war in beiden Gruppen weitgehend gleich. Das Forschungsteam sieht darin keinen Hinweis auf einen beschleunigten kognitiven Abbau.
- Beim Erinnern gelernter Inhalte zeigte sich nur in der nicht-autistischen Gruppe ein Rückgang mit dem Alter.
- Die Stichprobe ist klein, die ältesten autistischen Teilnehmenden waren 64 Jahre alt. Über das höhere Alter sagt die Studie nichts.
Warum diese Frage so wichtig ist
Autismusforschung hat sich jahrzehntelang fast nur mit Kindern beschäftigt. Dabei ist Autismus lebenslang, und die ersten Menschen, die bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Diagnose erhielten, sind heute im Rentenalter. Hinzu kommen viele Erwachsene, die erst spät diagnostiziert werden und sich fragen, was das Älterwerden für sie bedeutet.
Die Sorge hat einen realen Hintergrund. Eine US-Studie von Vivanti und Kollegen (Autism Research, 2021) wertete Abrechnungsdaten von Medicaid-Versicherten zwischen 30 und 64 Jahren aus. Bei autistischen Erwachsenen wurde dort häufiger eine früh einsetzende Demenz diagnostiziert, auch nach Berücksichtigung bekannter Risikofaktoren (adjustierte Hazard Ratio 1,96 bei Autismus ohne und 2,89 bei Autismus mit intellektueller Beeinträchtigung). Das weist in dieser Versichertengruppe auf ein höheres Risiko für eine dokumentierte Diagnose einer früh einsetzenden Demenz hin, belegt aber nicht, dass Autismus Demenz verursacht. Gleichzeitig ähneln einige Denkmuster, die bei jungen autistischen Erwachsenen beschrieben werden, jenen im höheren Alter. Daraus entstand die Frage, ob sich altersbezogene Veränderungen geistiger Fähigkeiten bei autistischen Menschen möglicherweise schneller zeigen.
Drei mögliche Verläufe
Die Forschung prüft dazu drei Annahmen. Die Grafik zeigt sie vereinfacht: Die Linien stehen für die durchschnittliche Leistung in einem Denkbereich, von jüngeren zu älteren Erwachsenen.
Beschleunigt
Fähigkeiten lassen bei autistischen Menschen schneller nach.
Nicht bestätigtParallel
Gleicher Verlauf, eventuell auf anderem Ausgangsniveau.
Befund in den meisten BereichenGeschützt
Einzelne Fähigkeiten lassen bei autistischen Menschen weniger nach.
Befund beim ErinnernSo wurde die Studie durchgeführt
Die autistischen Teilnehmenden wurden in Frankreich über das Autismus-Ressourcenzentrum der Region Centre-Val de Loire in Tours gewonnen. Alle Teilnehmenden bearbeiteten dieselben standardisierten Aufgaben und füllten zusätzlich einen Fragebogen aus, in dem sie ihre Alltagsschwierigkeiten bei Planung, Organisation und Umstellung selbst einschätzten.
Wichtig für das Verständnis: Die Studie begleitet nicht dieselben Menschen über Jahrzehnte, sondern vergleicht jüngere mit älteren Personen. Daraus lässt sich ablesen, wie groß der Altersunterschied in jeder Gruppe ausfällt. Einen echten Verlauf über die Lebenszeit bildet sie nicht ab.
Die Ergebnisse im Einzelnen
Niedrigeres Ausgangsniveau in drei Bereichen
Autistische Teilnehmende arbeiteten im Durchschnitt langsamer, erinnerten sich an weniger gelernte Inhalte und hatten mehr Mühe, zwischen Regeln oder Aufgaben zu wechseln. Im Fragebogen berichteten sie außerdem mehr Schwierigkeiten mit Planung und Organisation im Alltag. Das deckt sich mit vielen früheren Studien und mit dem, was viele autistische Menschen selbst beschreiben.
Gleicher Altersverlauf in den meisten Bereichen
Entscheidend für die Titelfrage ist nicht das Ausgangsniveau, sondern ob sich der Abstand zwischen den Gruppen mit dem Alter vergrößert. Das war in den meisten Bereichen nicht der Fall: Ältere autistische Teilnehmende lagen etwa gleich weit hinter jüngeren autistischen Teilnehmenden wie ältere nicht-autistische hinter jüngeren nicht-autistischen. Die Forschenden sprechen deshalb von parallelem Altern und werten ihre Daten ausdrücklich als Argument gegen einen beschleunigten Abbau.
Beim Erinnern ein stabileres Muster
Eine Ausnahme bildete das episodische Gedächtnis, also das Erinnern an zuvor gelernte Inhalte wie eine Wortliste. Hier zeigte sich ein Rückgang mit dem Alter nur in der nicht-autistischen Gruppe. Die Forschenden bringen das damit in Verbindung, dass ältere autistische Erwachsene semantische Strategien effizienter nutzten. Gemeint ist das Ordnen nach Bedeutung: Wer sich „Apfel, Hammer, Birne, Zange“ merken soll, gruppiert Obst und Werkzeug. Ob diese Strategie wirklich die Ursache ist, kann eine einzelne Vergleichsstudie nicht beweisen.
Selbsteinschätzung und Testleistung gehen auseinander
Ein Befund betrifft beide Gruppen gleichermaßen: Die gemessenen Leistungen bei Hemmung und Flexibilität waren bei Älteren niedriger, gleichzeitig berichteten Ältere im Fragebogen weniger Schwierigkeiten. Wie gut Menschen ihre Denkleistungen selbst einschätzen, und wie sie im Test abschneiden, entwickelt sich über das Erwachsenenalter also unterschiedlich. Warum das so ist, hat die Studie nicht untersucht.
Was die Forschenden ebenfalls betonen: Paralleles Altern ist keine Entwarnung für alle Lebensbereiche. Weil das Ausgangsniveau bei Tempo, Flexibilität und selbst eingeschätzter Alltagsorganisation niedriger lag, könnten autistische Menschen bei gleichem Altersverlauf früher an einen Punkt kommen, an dem sie Unterstützung brauchen.
Wie passt das zum bisherigen Forschungsstand?
Die Studie reiht sich in ein Feld mit gemischten Ergebnissen ein. Eine systematische Übersichtsarbeit von Bessé und Kollegen (Autism Research, 2025) wertete 36 Studien aus und fand kein einheitliches Bild. Studien, die jüngere mit älteren Menschen vergleichen, sprachen überwiegend für paralleles oder geschütztes Altern. Die wenigen Langzeitstudien, die dieselben Personen über Jahre begleiten, passten dagegen eher zu parallelem oder beschleunigtem Altern.
Auch eine niederländische Replikationsstudie von Torenvliet und Kollegen (Autism Research, 2022) fand parallele Alterseffekte, allerdings anders als die neue Studie keinen schützenden Effekt. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit von Dickinson und Kollegen (Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 2026) mit 56 eingeschlossenen Studien kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Alternsverläufe autistischer Erwachsener noch unzureichend verstanden sind.
Die neue Studie ist damit ein weiterer Hinweis in Richtung parallelen Alterns, aber noch keine abschließende Antwort.
Grenzen der Studie
- Kleine Stichprobe: Mit 56 autistischen Teilnehmenden ist die Stichprobe vergleichsweise klein. Kleinere oder stärker differenzierte Effekte könnten dadurch unentdeckt bleiben.
- Kein hohes Alter: Die älteste autistische Person war 64 Jahre alt. Gerade die Lebensphase, in der geistiger Abbau typischerweise deutlicher wird, ist nicht abgedeckt.
- Vergleich statt Verlauf: Unterschiede zwischen Altersgruppen können auch auf Unterschiede zwischen Generationen zurückgehen, etwa bei Bildung oder Diagnosezeitpunkt. Die Autorenschaft selbst hält größere, vielfältigere und vor allem Längsschnittstudien für notwendig.
- Wenige Frauen: In der autistischen Gruppe waren nur 16 Frauen. Aussagen über autistische Frauen, etwa rund um die Wechseljahre, sind kaum möglich.
- Nicht auf alle übertragbar: Alle Teilnehmenden konnten umfangreiche Tests bearbeiten. Ob die Ergebnisse für autistische Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder hohem Unterstützungsbedarf gelten, bleibt offen.
- Keine Demenzdiagnostik: Die Studie misst Denkleistungen, nicht das Risiko für Demenzerkrankungen.
Was bedeutet das für Betroffene und Familien?
Für autistische Erwachsene und ihre Angehörigen ist die wichtigste Botschaft: Nach dieser Studie gibt es keinen Grund, das Älterwerden mit der Erwartung eines automatisch schnelleren geistigen Abbaus zu verbinden. Die Unterschiede, die sich zeigten, bestanden schon bei jüngeren Teilnehmenden und nahmen mit dem Alter in den meisten Bereichen nicht zu.
Gleichzeitig lohnt es sich, die eigene Ausgangslage zu kennen. Wer schon immer etwas langsamer verarbeitet oder Umstellungen anstrengend findet, sollte das bei ärztlichen Gesprächen im Alter erwähnen. So lassen sich lebenslange Merkmale von neu auftretenden Veränderungen unterscheiden. Auch Depression, starke Erschöpfung oder ein autistischer Burnout können Konzentration und Gedächtnis spürbar beeinträchtigen. Neu auftretende oder zunehmende Veränderungen sollten deshalb medizinisch abgeklärt werden.
Für Eltern jüngerer autistischer Kinder zeigt die Studie vor allem eines: Die Forschung beginnt endlich, das ganze Leben in den Blick zu nehmen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es künftig passende Unterstützung auch für autistische Menschen im Rentenalter gibt.
Häufige Fragen
Altern autistische Menschen geistig schneller?
Die Studie von 2026 im Journal of Autism and Developmental Disorders findet dafür keinen Hinweis. Autistische Erwachsene schnitten zwar in einigen Bereichen niedriger ab, doch der Unterschied zwischen jüngeren und älteren Teilnehmenden war in den meisten Bereichen bei autistischen und nicht-autistischen Menschen ähnlich groß. Das spricht für ein paralleles Altern, nicht für einen beschleunigten kognitiven Abbau. Da Menschen unterschiedlichen Alters verglichen und nicht dieselben Personen über Jahre begleitet wurden, und da nur Menschen bis Mitte 60 teilnahmen, braucht es zur Bestätigung weitere Längsschnittstudien.
Was bedeuten paralleles, beschleunigtes und geschütztes Altern?
Die Forschung prüft drei Annahmen. Beschleunigtes Altern hieße, dass geistige Fähigkeiten bei autistischen Menschen mit dem Alter schneller nachlassen. Paralleles Altern bedeutet, dass der Verlauf gleich ist, auch wenn das Ausgangsniveau höher oder niedriger liegen kann. Geschütztes Altern (englisch safeguard) heißt, dass bestimmte Fähigkeiten bei autistischen Menschen mit dem Alter weniger nachlassen. Die neue Studie fand überwiegend paralleles Altern und beim episodischen Gedächtnis ein geschütztes Muster.
Warum blieb das Gedächtnis bei älteren autistischen Teilnehmenden stabiler?
Beim episodischen Gedächtnis, also dem Erinnern an zuvor gelernte Inhalte, zeigte sich ein Rückgang mit dem Alter nur in der nicht-autistischen Gruppe. Die Forschenden bringen das mit einer effizienteren Nutzung semantischer Strategien bei älteren autistischen Erwachsenen in Verbindung: Begriffe werden beim Merken nach Bedeutung geordnet, etwa alle Obstsorten zusammen. Ob diese Strategie die Ursache ist, lässt sich mit dem Studiendesign nicht beweisen.
Wie aussagekräftig ist die Studie?
Sie ist ein wichtiger Baustein, aber kein endgültiger Beleg. Untersucht wurden 56 autistische Erwachsene zwischen 21 und 64 Jahren, davon nur 16 Frauen. Alle Teilnehmenden konnten umfangreiche Gedächtnis- und Aufgabentests bearbeiten. Die Studie vergleicht Menschen verschiedenen Alters miteinander und begleitet nicht dieselben Personen über Jahre. Eine Übersichtsarbeit von 2025 zeigt, dass solche Vergleichsstudien eher paralleles oder geschütztes Altern finden, die wenigen Langzeitstudien dagegen eher paralleles oder beschleunigtes.
Haben autistische Menschen ein höheres Demenzrisiko?
Das ist nicht abschließend geklärt. Eine US-Studie von Vivanti und Kollegen (Autism Research, 2021) fand bei Medicaid-Versicherten zwischen 30 und 64 Jahren, dass bei autistischen Erwachsenen häufiger eine früh einsetzende Demenz diagnostiziert wurde. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit nicht belegt. Die neue Studie untersuchte nicht das Auftreten von Demenzerkrankungen, sondern kognitive Leistungen bei Erwachsenen unterschiedlichen Alters. Aus ihr lässt sich deshalb weder ein höheres noch ein niedrigeres Demenzrisiko ableiten.
Was sollten ältere autistische Menschen bei Gedächtnisproblemen tun?
Neu auftretende oder zunehmende Vergesslichkeit sollte hausärztlich abgeklärt werden, wie bei allen Menschen. Dabei hilft es, die eigene Ausgangslage zu kennen: Wer schon immer langsamer verarbeitet oder Umstellungen schwierig findet, sollte das im Gespräch ansprechen, damit lebenslange autistische Merkmale nicht mit einem Abbau verwechselt werden. Auch Erschöpfung, autistischer Burnout oder eine Depression können Konzentration und Gedächtnis deutlich beeinträchtigen.
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Quellen
- Cognitive Aging Patterns in Autism: Parallel, Accelerated, or Safeguarded? (2026). Journal of Autism and Developmental Disorders. DOI: 10.1007/s10803-026-07478-y.
- Bessé, M., Morel-Kohlmeyer, S., Houy-Durand, E., Prévost, P., Tuller, L., Bouazzaoui, B., Taconnat, L., Capdeville, J., Angel, L. & Gomot, M. (2025): Cognitive and Cerebral Aging Research in Autism: A Systematic Review on an Emerging Topic. Autism Research, 18(6), 1122–1145.
- Dickinson, A., Ryan, D., Carroll, J. E. & Lord, C. (2026): Aging in autism: A systematic review of cognitive, neural, and physical health findings. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 188, 106820.
- Torenvliet, C., Groenman, A. P., Radhoe, T. A., Agelink van Rentergem, J. A., Van der Putten, W. J. & Geurts, H. M. (2022): Parallel age-related cognitive effects in autism: A cross-sectional replication study. Autism Research. Online erschienen Dezember 2021.
- Vivanti, G., Tao, S., Lyall, K., Robins, D. L. & Shea, L. L. (2021): The prevalence and incidence of early-onset dementia among adults with autism spectrum disorder. Autism Research, 14(10), 2189–2199.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag fasst eine wissenschaftliche Studie allgemein verständlich zusammen und ersetzt keine ärztliche oder neuropsychologische Untersuchung. Bei Sorgen um Gedächtnis oder Konzentration wenden Sie sich bitte an Ihre Hausarztpraxis.
Stand: September 2026 · autismus-ratgeber.de