Warum Autismus bei Frauen in der klinischen Beobachtung weniger sichtbar sein kann
Eine japanische Studie mit 349 Erwachsenen zeigt: Ob sich Frauen und Männer mit Autismus unterscheiden, hängt davon ab, wie gemessen wird. Das ist für die Diagnostik im Erwachsenenalter wichtig.
Auf einen Blick
- Untersucht wurden 219 autistische und 130 nicht-autistische Erwachsene mit drei Verfahren: Selbstauskunft, Fremdeinschätzung und strukturierte klinische Beobachtung.
- In den beiden Fragebögen zeigten sich zwischen autistischen Frauen und Männern keine signifikanten beziehungsweise nur geringe Unterschiede.
- In der klinischen Beobachtung mit dem ADOS-2 hatten autistische Frauen dagegen deutlich niedrigere Werte als autistische Männer.
- Über die drei Messverfahren hinweg zeigte sich kein allgemeiner Haupteffekt des Geschlechts. Entscheidend war, welches Verfahren verwendet wurde. Niedrigere Werte in der Beobachtung bedeuten also nicht „weniger autistisch“.
- Warum der Unterschied entsteht, kann die Studie nicht klären. Camouflaging ist eine mögliche Erklärung, wurde aber nicht gemessen.
Worum es in der Studie geht
Viele autistische Frauen erhalten ihre Diagnose erst spät, manche erst nach mehreren Anläufen. Ein Teil der Erklärung könnte in der Diagnostik selbst liegen. Denn Autismus wird nicht mit einem einzelnen Test festgestellt, sondern aus mehreren Blickwinkeln: aus dem, was eine Person über sich selbst berichtet, aus dem, was nahestehende Menschen beobachten, und aus dem, was Fachleute in einer Untersuchung sehen.
Ein japanisches Forschungsteam um Rio Ishida und Kazuhiko Yamamuro wollte wissen, ob diese drei Blickwinkel bei Frauen und Männern zum selben Ergebnis führen. Die Arbeit erschien am 11. September 2026 als Vorabveröffentlichung in der Fachzeitschrift Autism Research.
So wurde die Studie durchgeführt
Bei allen Teilnehmenden wurden autistische Merkmale mit drei unterschiedlichen Verfahren erfasst:
Selbstauskunft
AQ-J
Die japanische Fassung des Autism-Spectrum Quotient. Die Person beantwortet selbst Fragen zu eigenen Merkmalen.
Fremdeinschätzung
SRS-2
Die Social Responsiveness Scale. Eine nahestehende Person schätzt das soziale Verhalten ein.
Klinische Beobachtung
ADOS-2, Modul 4
Eine standardisierte Beobachtung mit sozialen und kommunikativen Aufgaben, durchgeführt von Fachleuten.
Das ADOS-2 Modul 4 ist für sprachlich flüssige Jugendliche und Erwachsene gedacht. Es ist kein gewöhnliches Gespräch, sondern eine strukturierte Untersuchungssituation mit festgelegten Aufgaben.
Die wichtigsten Ergebnisse
Statistisch zeigte sich eine deutliche Wechselwirkung zwischen Messverfahren und Geschlecht. Das heißt: Wie groß der Unterschied zwischen Frauen und Männern ausfällt, hängt davon ab, mit welchem Verfahren gemessen wird. Der Zusammenhang war statistisch deutlich, die Effektgröße mit partiellem η² = 0,036 jedoch eher klein. Es handelt sich also um einen Gruppentrend und nicht um einen Unterschied, der bei jeder einzelnen Person auftreten muss.
Der zentrale Punkt: niedrigere Werte heißt nicht „weniger autistisch“
In der klinischen Beobachtung erreichten autistische Frauen niedrigere Werte als autistische Männer. In ihrer eigenen Einschätzung und in der Einschätzung nahestehender Menschen zeigte sich dieser Unterschied aber nicht. Über die drei Messverfahren hinweg zeigte sich kein allgemeiner Haupteffekt des Geschlechts. Entscheidend war vielmehr, welches Verfahren verwendet wurde.
Die Forschenden schließen daraus, dass Selbstbericht, Fremdbericht und klinische Beobachtung überlappende, aber nicht identische Aspekte von Autismus erfassen.
Ein ähnliches Muster fand dieselbe Forschungsgruppe im August 2026 bei Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 15 Jahren (Frontiers in Psychiatry): Elternberichte und klinische ADOS-2-Beobachtung erfassten überlappende, aber unterschiedliche Aspekte autismusbezogener Merkmale. Auch dort stimmten beide Quellen nur gering überein, und Jungen hatten höhere ADOS-2-Werte als Mädchen.
Warum könnte der Unterschied entstehen?
Eine mögliche Erklärung ist, dass autistische Merkmale bei Frauen in einer strukturierten klinischen Beobachtung weniger deutlich sichtbar werden, etwa durch unterschiedliche Ausdrucksformen oder durch Camouflaging, also das bewusste oder unbewusste Überdecken autistischer Merkmale in sozialen Situationen. Diese Erklärung wird in der Forschung intensiv diskutiert.
Die Studie selbst kann jedoch nicht klären, wodurch der Unterschied entsteht. Camouflaging wurde nicht als eigene Größe gemessen. Die Aussage „Frauen hatten niedrigere Werte, weil sie maskieren“ lässt sich aus dieser Arbeit deshalb nicht ableiten.
Was das für die Diagnostik bedeutet
Die Studie macht einen oft missverstandenen Punkt greifbar: Eine einzelne Perspektive kann ein unvollständiges Bild liefern. Selbstauskunft, Fremdanamnese und strukturierte Beobachtung liefern unterschiedliche Informationen und sind nicht einfach austauschbar. Eine Person kann in der klinischen Beobachtung weniger Merkmale zeigen, ohne dass ihre eigenen Angaben oder die ihres Umfelds entsprechend niedriger ausfallen.
Für die Diagnostik im Erwachsenenalter unterstreicht das, dass Beobachtungswerte im Zusammenhang mit Selbstbericht, Fremdanamnese und Entwicklungsanamnese interpretiert werden sollten, insbesondere wenn die verschiedenen Informationsquellen voneinander abweichen.
Was Sie für die eigene Diagnostik tun können
Die folgenden Hinweise sind keine Ergebnisse der Studie, sondern praktische Anregungen der Redaktion, die sich aus dem Befund ableiten.
- Mehrere Perspektiven mitbringenBitten Sie eine Person, die Sie gut kennt, um eine schriftliche Einschätzung, etwa Eltern, Geschwister oder Partner. Angaben aus der Kindheit sind besonders hilfreich.
- Eigene Beobachtungen festhaltenNotieren Sie vor dem Termin, in welchen Situationen Ihnen etwas schwerfällt und wie viel Kraft Ihnen der Alltag kostet.
- Anstrengung ansprechenWenn Sie in Untersuchungssituationen bewusst „funktionieren“ und danach erschöpft sind, sagen Sie das offen. Diese Information geht in einer Beobachtung sonst leicht verloren.
- Nach dem Gesamtbild fragenFragen Sie nach, wie Selbstauskunft, Fremdangaben und Beobachtung gewichtet wurden, falls das Ergebnis nicht zu Ihrer Erfahrung passt.
Beim Strukturieren hilft unser Diagnosevorbereitung-Assistent. Wer das eigene Camouflaging einschätzen möchte, findet einen Anhaltspunkt im CAT-Q Masking-Test. Eine Diagnose ersetzt beides nicht.
Grenzen der Studie
- Keine Erklärung des Unterschieds: Die Studie zeigt, dass sich das Geschlechterbild je nach Verfahren unterscheidet, aber nicht, warum. Camouflaging wurde nicht direkt gemessen.
- Biologisches Geschlecht, nicht Geschlechtsidentität: Untersucht wurden Unterschiede nach biologischem Geschlecht (englisch sex). Aussagen über Geschlechtsidentität lassen sich daraus nicht ableiten.
- Eine Stichprobe aus Japan: Die Ergebnisse stammen aus einem Land und wurden mit der japanischen Fassung des AQ erhoben. Ob sie sich auf andere Länder übertragen lassen, ist offen.
- Erwachsene ohne ausgeprägte Sprachschwierigkeiten: Das ADOS-2 Modul 4 setzt flüssige Sprache voraus. Für Kinder oder Menschen mit anderen Unterstützungsbedarfen sagt die Studie nichts aus.
- Kleiner Effekt: Die Wechselwirkung ist statistisch deutlich, die Effektgröße aber eher klein. Sie beschreibt einen Gruppentrend, keinen Einzelfall.
Was die Studie für Betroffene bedeutet: Wenn Sie sich in einer Untersuchung „zu unauffällig“ gezeigt haben, ist das kein Beleg dafür, dass Ihre Erfahrungen nicht zählen. Die Studie zeigt, dass Beobachtung, Selbstauskunft und Fremdangaben verschiedene Seiten sichtbar machen. Eine gute Diagnostik nimmt alle drei ernst.
Häufige Fragen
Warum wird Autismus bei Frauen in der Diagnostik manchmal übersehen?
Eine Studie von Ishida, Yamamuro, Kashida und Kollegen (Autism Research, 2026) mit 219 autistischen und 130 nicht-autistischen Erwachsenen zeigt, dass das Ergebnis vom Messverfahren abhängt. In Selbstauskunft und Fremdeinschätzung zeigten sich zwischen autistischen Frauen und Männern keine signifikanten beziehungsweise nur geringe Unterschiede. In der strukturierten klinischen Beobachtung mit dem ADOS-2 hatten autistische Frauen dagegen deutlich niedrigere Werte. Stützt sich eine Diagnostik stark auf die Beobachtung, kann das Bild bei Frauen deshalb unvollständig sein.
Sind Frauen mit niedrigeren ADOS-2-Werten weniger autistisch?
Nein. In der Studie zeigte sich der Unterschied nur in der klinischen Beobachtung, nicht in der eigenen Einschätzung und nicht in der Einschätzung nahestehender Menschen. Über die drei Messverfahren hinweg zeigte sich kein allgemeiner Haupteffekt des Geschlechts; entscheidend war, welches Verfahren verwendet wurde.
Beweist die Studie, dass Frauen maskieren?
Nein. Camouflaging ist eine mögliche Erklärung, die in der Forschung intensiv diskutiert wird. Die Studie hat Camouflaging aber nicht als eigene Größe gemessen. Sie zeigt nur, dass sich das Geschlechterbild je nach Messverfahren unterscheidet, nicht warum.
Was ist das ADOS-2?
Das ADOS-2 ist ein standardisiertes Beobachtungsverfahren, das Fachleute in der Autismus-Diagnostik einsetzen. Modul 4 ist für sprachlich flüssige Jugendliche und Erwachsene gedacht. Es besteht aus festgelegten sozialen und kommunikativen Aufgaben und ist kein gewöhnliches Gespräch. Das ADOS-2 ist ein Baustein der Diagnostik, stellt die Diagnose aber nicht allein.
Wie kann ich mich auf eine Autismus-Diagnostik als Erwachsene vorbereiten?
Hilfreich ist es, mehrere Perspektiven mitzubringen: eigene schriftliche Beobachtungen, eine Einschätzung von Menschen, die Sie gut kennen, und nach Möglichkeit Angaben aus der Kindheit. Sprechen Sie auch an, wenn Sie in Untersuchungssituationen bewusst funktionieren und danach erschöpft sind. Beim Strukturieren hilft der Diagnosevorbereitung-Assistent auf autismus-ratgeber.de.
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Quellen
- Ishida, R., Yamamuro, K., Kashida, N. et al. (2026): Measurement-Dependent Sex-Based Differences in Autistic Traits: Comparing Self-Report, Informant-Report, and Clinician Observation in Adults With Autism Spectrum Disorder. Autism Research, Early View, 11.09.2026. DOI: 10.1002/aur.70369.
- Ishida, R., Yamamuro, K., Kashida, N., Takeda, T., Toritsuka, M., Okada, T. & Makinodan, M. (2026): Discrepancies between parent-reported and clinician-rated autism severity: roles of sex and age. Frontiers in Psychiatry, 17, 1823090. DOI: 10.3389/fpsyt.2026.1823090.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag fasst eine wissenschaftliche Studie allgemein verständlich zusammen und ersetzt keine ärztliche oder psychologische Diagnostik.
Stand: September 2026 · autismus-ratgeber.de