Autismus und Schule · Mobbing und Ausgrenzung
Mobbing und Ausgrenzung in der Schule bei Autismus
Autistische Kinder und Jugendliche erleben in der Schule häufiger Mobbing und Ausgrenzung als nicht-autistische Gleichaltrige. Dafür gibt es nicht den einen Grund: Unterschiede in Kommunikation und sozialer Interaktion, Reaktionen von Gleichaltrigen und das schulische Umfeld können gemeinsam eine Rolle spielen. Dieser Artikel erklärt, woran sich Mobbing erkennen lässt und was Eltern, Schule und betroffene Schülerinnen und Schüler tun können.
Warum autistische Schüler häufiger betroffen sind
Studien und Erfahrungsberichte zeigen übereinstimmend, dass autistische Kinder und Jugendliche deutlich häufiger gemobbt werden als ihre nicht-autistischen Mitschüler. Autistische Schülerinnen und Schüler tragen keine Verantwortung dafür, gemobbt zu werden. Das erhöhte Risiko entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren – unter anderem Unterschiede in Kommunikation und sozialer Interaktion, Reaktionen von Gleichaltrigen, soziale Ausgrenzung und das Umfeld in der Schule. Fehlendes Verständnis für Neurodiversität in der Klasse begünstigt das zusätzlich.
Mobbing erkennen
Nicht jeder Streit ist Mobbing. Typisch für Mobbing sind wiederholte oder fortgesetzte Angriffe und ein Machtungleichgewicht, durch das sich die betroffene Person nur schwer selbst wehren kann. Auch ein einzelner schwerer Übergriff muss aber ernst genommen werden.
Mobbing zeigt sich nicht immer offensichtlich. Es hilft, verschiedene Formen im Blick zu haben:
- Direkt: Beleidigungen, Hänseleien, Schubsen oder andere körperliche Übergriffe
- Indirekt: gezieltes Ausschließen aus Gruppen, Gerüchte, Ignorieren
- Digital: beleidigende Nachrichten, Ausschluss aus Gruppenchats, Verbreiten von Fotos oder Videos
Mögliche Anzeichen, dass ein Kind betroffen ist:
- Zunehmender Widerwille, zur Schule zu gehen, oder Ausreden dafür
- Beschädigte oder fehlende Schulsachen, unerklärte Verletzungen
- Rückzug von bisherigen Freundschaften oder Aktivitäten
- Gereiztheit, Traurigkeit oder Schlafprobleme ohne erkennbaren Grund
- Ausweichendes Verhalten bei Fragen nach der Schule oder bestimmten Mitschülern
- Mehr Meltdowns, Shutdowns oder eine stärkere Erschöpfung nach der Schule als sonst
- Plötzliche Angst vor bestimmten Räumen, Pausen, Busfahrten, Gruppenarbeiten oder einzelnen Unterrichtsstunden
Einzelne Anzeichen beweisen für sich allein kein Mobbing. Entscheidend sind Veränderungen, Zusammenhänge und das, was das Kind selbst berichtet.
Was Eltern tun können
Akute Gefahr: Bei unmittelbarer Gefahr oder schwerer Gewalt zuerst für Sicherheit sorgen und Hilfe holen. In einem akuten Notfall gilt 110 (Polizei) beziehungsweise 112 (Rettungsdienst). Bei Vorfällen in der Schule sollte zusätzlich unverzüglich eine verantwortliche Person der Schule informiert werden.
- Zuhören, ohne zu bewerten oder vorschnell zu handeln – erst verstehen, was passiert ist
- Vorfälle möglichst konkret dokumentieren: Datum, Uhrzeit, Ort, Beteiligte, mögliche Zeugen, was gesagt oder getan wurde und wie die Schule darauf reagiert hat
- Das Gespräch mit der Schule suchen, sachlich und mit konkreten Beispielen
- Wenn sich trotz Meldung nichts ändert, die Vorfälle erneut schriftlich ansprechen und je nach Schulstruktur Klassenleitung, Schulleitung, Schulsozialarbeit oder schulische Beratungsstellen einbeziehen. Für schulaufsichtliche oder rechtliche Wege gelten je nach Bundesland unterschiedliche Verfahren – Details dazu findest du auf der jeweiligen Bundesland-Seite
- Das Kind in die Suche nach Lösungen einbeziehen, statt allein über seinen Kopf hinweg zu handeln
Für ein strukturiertes Gespräch mit der Schule hilft die Anleitung Schulgespräche vorbereiten. Weitere Themen rund um den Schulalltag stehen unter Autismus und Schule – für Eltern.
Was Schule und Lehrkräfte tun können
- Vorfälle konsequent und zeitnah nachgehen, statt sie als „Kinderkram“ abzutun
- Die Verantwortung für die Beendigung des Mobbings nicht dem betroffenen Kind übertragen. Hinweise wie „Ignoriere es einfach“, „wehr dich“ oder die Aufforderung, das Problem allein mit den beteiligten Schülerinnen und Schülern zu klären, reichen nicht aus
- Aufsicht besonders in unstrukturierten und bekannten Risikosituationen verstärken – etwa in Pausen, auf Fluren, in Umkleiden oder an schulisch beaufsichtigten Ein- und Ausgangsbereichen
- Der Klasse Neurodiversität altersgerecht vermitteln, ohne den betroffenen Schüler bloßzustellen. Prävention möglichst auf die gesamte Klasse und ein respektvolles Klassenklima ausrichten – nicht das autistische Kind zum „Unterrichtsthema“ machen, sofern es das nicht selbst möchte
- Feste Ansprechpersonen benennen, an die sich Schüler bei Vorfällen wenden können
Weitere praxisnahe Hinweise für den Schulalltag gibt es unter Autismus und Schule – für Lehrkräfte.
Was du als Schüler tun kannst
Wichtig: Wenn du gemobbt wirst, ist das nicht deine Schuld – auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Du musst das nicht allein aushalten oder allein lösen.
- Erzähl einer Person, der du vertraust, was passiert – Eltern, eine Lehrkraft, Schulbegleitung oder Schulsozialarbeit
- Schreib dir auf, was, wann und von wem passiert ist
- Halte dich, wenn möglich, in der Nähe von Erwachsenen oder anderen Mitschülern auf, denen du vertraust
Mehr Tipps direkt für dich gibt es unter Autismus und Schule – für dich als Schüler.
Wenn es online passiert (Cybermobbing)
- Beweise sichern: Screenshots von Nachrichten, Kommentaren oder Beiträgen möglichst vor dem Löschen, Blockieren oder Melden erstellen, dabei auch Benutzername, URL sowie Datum und Uhrzeit festhalten. Ausnahme: Bei Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern oder Jugendlichen keine Dateien oder Screenshots selbst speichern oder weiterleiten, sondern unmittelbar eine erwachsene Vertrauensperson und gegebenenfalls die Polizei einschalten
- Absender blockieren, statt selbst zu antworten
- Vorfälle der Plattform melden (Meldefunktion) und einer Vertrauensperson zeigen
- Bei Drohungen, Erpressung, sexualisierten Inhalten, heimlich verbreiteten Aufnahmen oder anderen möglichen Straftaten eine erwachsene Vertrauensperson einschalten und gegebenenfalls Polizei beziehungsweise Beratungsstellen hinzuziehen
Wo es weitere Hilfe gibt
Dieser Artikel ist Teil des Schul-Hubs „Autismus und Schule“, mit weiteren Infos für Eltern, Schüler, Lehrkräfte, Schulbegleitung und nach Bundesland sortiert.